Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Diätkenner … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 24.10.2016

498_Das Pubertierlabor: Krankheiten

Das Pubertierlabor widmet sich heute der Erforschung seltsamer Krankheiten, von denen viele Pubertiere regelmäßig und meistens nur für die Dauer des Vormittages an Schultagen heimgesucht werden. Der Versuchsleiter hat am vergangenen Dienstag einen besonders drastischen Fall beobachtet und protokolliert. Hier sind seine Aufzeichnungen.
6:58 Uhr: Der Versuchsleiter weckt das männliche Pubertier indem er vor dem Bett stehend ein Lied singt, mit dem man Tote erst aufwecken und dann zum Suizid treiben kann, nämlich „Time to say Goodbye“. Das Pubertier Nick befindet sich unter der Decke. Er beantwortet den Weckgesang mit einem international üblichen Handzeichen, welches übersetzt bedeutet: „Guten Morgen Vater, ich bin wach und danke für dieses schöne Lied.“ Das Handzeichen ragt unter der Bettdecke hervor und besteht aus einem ausgestreckten Mittelfinger.
Um 7:11 Uhr erscheint der Versuchsleiter im Pubertierlabor, um den Erfolg seines Gesanges zu überprüfen und gegebenenfalls eine Zugabe zu geben, nämlich „An Angel“ von der Kelly Family. Ein Lied, mit dem man sogar Zombies in die Flucht schlagen kann. Dazu kommt es nicht, denn Nick ist wach und schaut den Versuchsleiter leeren Blickes an. Dann teilt er mit, er könne nicht in die Schule gehen, da er Kopfweh, Bauchkrämpfe, dazu Rückenschmerzen und Gicht und Übelkeit habe und alles doppelt sehe. Dann fragt er, wo er sei.
Der Versuchsleiter lässt das Klemmbrett sinken und weist das Pubertier darauf hin, dass eine glaubwürdige Erkrankung immer nur ein einziges, dafür unerträgliches Symptom aufweisen dürfe. Und nicht fünf. Oder sechs. Er erklärt, dass er noch einmal rausginge und wieder ins Labor käme, um der Performance seines Sohnes eine zweite Chance zu geben. Der Versuchsleiter verlässt das Labor und studiert in der Küche den Stundenplan, demzufolge in der dritten und vierten Schulstunde Mathematikunterricht stattfindet. Er hat am Vorabend ein Telefonat mitgehört, in dem es um die Unmöglichkeit der Lösung von algebraischen Aufgabenstellungen und einer anberaumten Klassenarbeit ging. Am Ende des Gespräches raunte das Pubertier, sich Zeit verschaffen zu wollen.
7:16 Uhr: Bei einem erneuten Besuch des Labors stellt der Versuchsleiter Fortschritte bei der Darbietung fest. Nick konzentriert sich nunmehr auf das Symptomgebiet Schädel und klagt über Kopfschmerzen und Schwindel, sowie Doppelsichtigkeit, die er durch beeindruckendes Schielen unter Beweis stellt. Seine Stimme bleibt dabei überzeugend matt und ausdruckslos. Dann behauptet er, unbedingt in die Schule zu wollen. Sein Zustand ließe das aber nicht zu und das sei sehr bedauerlich, weil er auf diese Weise viele total interessante Dinge verpassen müsse. Das mache ihn richtig traurig. Der Versuchsleiter schüttelt den Kopf und sagt: „Nein, so geht das nicht. Der Anfang war gut. Auch das Schielen war okay. Aber dann hast Du es total übertrieben. Da musst Du Dir was Anderes ausdenken. Ich gehe noch mal raus.“
7:21 Uhr: Der Versuchsleiter betritt erneut das Labor. Nick liegt auf dem Rücken und starrt an die Decke. „Vater, bist Du es?“ fragt er. Dann bittet er um Untersuchung durch einen Notarzt oder den Transport in eine Fachklinik, da er heftige Schmerzen in den Schläfen, Schwindel und Fieber habe. Der Versuchsleiter legt eine Hand auf die glühende und knallrote Stirn seines Sohnes. Er muss mit hohem Einsatz gerubbelt haben und diese Mühe darf belohnt werden. Der Versuchsleiter erklärt seinen Sohn für krank und meldet ihn in der Schule ab.
11:31 Uhr: Der Versuchsleiter wird Zeuge einer Wunderheilung, die unmittelbar nach der vierten Stunde einsetzt und das Pubertier vollständig genesen lässt. Es ist nunmehr in der Lage, Fifa 16 zu zocken und Pudding zu essen. Der Versuchsleiter setzt sich an seinen Schreibtisch und schreibt eine Mail an seinen Steuerberater, der zu folge er leider die Unterlagen für August noch nicht schicken könne, weil er krank sei. Magen-Darm. Der Steuerberater schreibt zurück, dass er das auch manchmal habe, wenn er zum Zahnarzt müsse. Und dass er die Unterlagen morgen in seiner Post erwarte. Der Versuchsleiter flucht leise und beneidet seinen Sohn für die vielen Chancen, die der im Leben bekommt.