Jan Weiler: Autor, Kolumnist, EU-Kommissar … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 31.10.2016

499_Alltag bei uns

Es wird so langsam frisch in Deutschland. Besonders auf dem Fahrrad. Unsere Tochter fährt weiterhin damit herum, was mir gut gefällt, ihr aber nicht. Sie würde viel lieber Autofahren, aber sie hat sich immer noch nicht zur Prüfung angemeldet. Der Fahrlehrer hat ihr dringend davon abgeraten, nachdem die beiden neulich eine Diskussion darüber führten, ob man den Fahrtrichtungswechsel durch Blinken anzeigen sollte oder nicht. Er fand, das sei richtig. Aber Carla erklärte ihm, sie würde auf keinen Fall blinken, schließlich ginge es niemanden etwas an, wohin sie führe. Das sei immer noch ein freies Land. Außerdem sehe sie nicht ein, warum man vor dem Kindergarten nur Tempo 30 fahren dürfe. Sowas würden bloß Päderasten machen. Der Fahrlehrer redete dann irgendwas von wegen noch lange nicht bereit, als sei er Meister Yoda und meine Tochter in der Yedi-Ritter-Ausbildung.
Gestern kam sie nach Hause und teilte mit, sie habe vor lauter Kälte Knusperöhrchen bekommen. Ich liebe meine Kinder dafür, dass sie mein Leben mit wunderschönen Wendungen bereichern. Nachdem sie ihre Jacke ausgezogen und auf den Boden hatte fallen lassen, schritt sie zum Kühlschrank und monierte, dass dort nichts drinne sei, was man einfach so essen könne. Ich wies sie ernährungspädagogisch in Bestform darauf hin, dass sich im Kühlfach Möhren befänden, die man zweifelsfrei einfach so essen könne. Sie schloss den Kühlschrank und schimpfte, diese Antwort sei ein Beleg dafür, dass man mit mir nicht reden könne. Ich würde einfach nichts kapieren. Ich sagte, dass auch noch ein Kohlrabi da sei, aber sie ging grußlos in ihr Zimmer, um ein Voodoo-Püppchen zu quälen. Jedenfalls tat mir dann der rechte Unterarm weh.
Eine halbe Stunde später störte ich sie beim Multitasking: Sie verfolgte einen Youtube-Kanal, zupfte dabei ihre Wimpern, telefonierte und fertigte Hausaufgaben an. Das sind vier Tätigkeiten, die man ausgezeichnet miteinander verbinden kann. Man spart viel Zeit und könnte sogar noch etwas Essen, wenn denn irgendwas im Haus wäre. Jedenfalls hatte ich Lust auf Remmidemmi. Also fragte ich sie, ob sie im Rahmen ihrer beruflichen Tätigkeit als Tochter womöglich die Entrümpelung und Säuberung ihres Zimmers auf die Tages-Agenda setzen könnte. Ich finde das sehr feinfühlig. Andere Väter reißen die Tür auf und grunzen: „Aufräumen.“
Carla reagierte ablehnend und behauptete mit Blick auf ihr Handy, sie habe Wichtigeres zu tun. Das ist wohl auch richtig. Die Erfindung des Internet und die Versorgung der Kinder mit Smartphones haben dazu geführt, dass alle Kinder jetzt immer Wichtiges zu tun haben. Das löst bei den Erwachsenen ambivalente Gefühle aus, denn einerseits hält die stete Beschäftigung mit Mobiltelefonen die Kinder davon ab, Spanisch-Vokabeln zu lernen. Andererseits haben sie aber auch keine Zeit für den Konsum von Amphetaminen oder Einbruchdiebstahl, wenn sie ständig Nachrichten verschicken und Bauklötzchen stapeln müssen. Das ist doch eigentlich eine ganz gute Nachricht. Unsere Kinder sind langweilig, das schon. Aber ungefährlich. Ungefährlicher als wir vor 35 Jahren. Wir mussten ununterbrochen rebellieren, denn wir hatten keine Handys. Wir hatten nur Maultrommeln und Süßholz als Droge. Wenn es in meiner Jugend schon Internet und Handy gegeben hätte, würde ich mich heute auf dem kognitiven Stand eines Fischotters bewegen.
Nick half mir den Tisch zu decken, dann vertraute er mir ein Geheimnis an. Es ging um eine dieser wundervollen Lehren des Lebens, um einen jener magischen Augenblicke, wo der Groschen fällt und ein jahrelanges Missverständnis sich in Luft auflöst. Ich habe zum Beispiel erst im Erwachsenenalter kapiert, dass eine Postsendung, die per Nachnahme zugestellt wird, nichts mit dem Nachnamen des Empfängers zu tun hat, sondern mit Bezahlen. Und Nick erzählte nun, wie er soeben im Rahmen eines unerklärlichen Geistesblitzes überrissen habe, dass es nicht Grinskontrolle, sondern Grenzkontrolle hieße. Und ich habe mich früher immer gewundert, warum er am Flughafen so albern gegrinst hat, jedes Mal, wenn die Pässe kontrolliert wurden.