Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Steinhuhn … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 22.11.2016

502_Ein Höllentrip

Meine Versuche, unserem Nachbarn Dattelmann aus dem Weg zu gehen, führen häufig dazu, dass ich beim Verlassen des Hauses von Baum zu Baum husche wie ein Navy Seal. Aber er ist nicht blöd und versteckt sich ebenfalls. Neulich stellte er mich überraschend am Briefkasten und übergab mir eine Einladung, die ich in seinem Beisein öffnen musste. Es handelte sich um die Einweihung von Dattelmanns Sauna. Sie luden uns sowie zwei andere Ehepaare dazu ein.
Sara war davon sehr angetan. Ich nicht. „Ich will da nicht hin“, jammerte ich. „Ich will Frau Bernheimer nicht nackt sehen. Und ich will nicht von Hahnemanns vollgetropft werden. Und ich will nicht an Dattelmann riechen“. Ich finde Nacktheit eine Privatangelegenheit und ich schwitze ungern. Wie Manuel Neuer. Er hat sich einen Beruf gesucht, in dem er sich nicht anstrengen muss. Ich auch. Wenn ich schwitzen wollte, wäre ich ein Grillkäse geworden. Aber Sara fand, der Aufenthalt in einer Sauna werde unsere Partnerschaft um neue Aspekte bereichern. Es sei ein Grenzbereich des Körperlichen. Das mag sein, aber den will ich nicht Seite an Seite mit dem nackten Verwaltungsdirektor Hahnemann und seiner adipösen Gattin erleben. Ich sagte, ich hätte am Dienstag schon was vor, da sei ich nämlich krank. Sara zeigte mir einen Vogel und meldete uns bei Dattelmanns Sauna-Event an.
Am Dienstag latschten wir in Bademäntel gehüllt mit den anderen Nachbarn zum Kellereingang der Dattelmanns und klopften. Ich kam mir vor wie bei einem Treffen des Ku Klux Klans. Bloß ohne Fackeln. Dattelmann begrüßte uns in einer Art Tanga und bot Sekt an. Dann öffnete er die Tür zur Hölle. Vier Holzpritschen von je eineinhalb Metern Länge in zwei Etagen. Dazu ein Ofen. Und schummriges Licht. „Reichlich Platz“ jubelte Dattelmann und schubste uns hinein. Es war auch reichlich Platz, jedenfalls für ihn, denn er setzte sich breitbeinig auf die untere Etage. Alle anderen quetschten sich über ihn und ihm gegenüber und dann konnte der Garvorgang beginnen.
Ich fand es sehr heiß und fragte, ob das vielleicht etwas kühler ginge. Darauf wurde ich auf die obere Liege verwiesen. Dattelmann sagte dann, er hoffe, dass man vorher geduscht habe, worauf Herr Bernstein murmelte, das habe ihm niemand gesagt. Es roch dann wie abends im letzten Flieger von Hamburg nach München. Ich ergab mich in das Schicksal, Frau Hahnemann anzusehen. Sie besteht aus enorm viel Haut, die kunstvoll um sie herum geschichtet wurde. Ich konnte das beobachten, gerade weil ich kurzsichtig bin und keine Brille trug, denn sie saß wirklich sehr dicht neben mir. Dattelmann erklärte ausführlich, dass man in der Sauna kein Wort reden dürfe. Dass er das Holz mit einem Duftstoff imprägniert habe. Dass er die Saunaregeln tief verinnerlicht habe. Dass er gleich zum Höhepunkt komme, was mich ernsthaft in Sorgen versetzte.
Dann stand er auf und rief: „Und nun: Der Gluthauch.“ Er schüttete eine Flüssigkeit in den Ofen. Mein Blut kochte vorher schon, doch jetzt begann mein Gehirn zu blubbern wie ein Käsefondue. Herr Bernstein klang nun wie ein kopulierendes Rentier. So etwas habe mich mal im Fernsehen gesehen. Sara ertrug die Situation mit Würde, während ich sekündlich damit rechnete, dass mein Körper mit dem von Frau Hahnemann verschmelzen könnte und dass wir nach Verlassen der Sauna für immer untrennbar zusammengeschweißt wären. Außerdem lief mir Flüssigkeit in Strömen aus den Poren. Wahrscheinlich Bratensaft.
Dattelmann rief, dass gleich die erste Runde vorüber sei. Es könnten dann alle duschen, anschließend würde er seine zehn Lieblingslieder von Chris de Burgh auf dem Saxofon spielen, damit alle sich entspannten. Danach seien dann der zweite und dritte Saunagang fällig. Das war der Moment, in dem ich in Ohnmacht fiel. Wahrscheinlich der Sekt, sagte Sara, als ich wieder aufwachte. Sie brachte mich nach Hause. Anderntags teilte Dattelmann mit, er sei sehr zerknirscht wegen des Alkohols. Am nächsten Dienstag lüde er zu einem garantiert alkoholfreien Saunagang. Da müssten wir kommen. Gut. Ich werde dann meine Brille anbehalten. Sie beschlägt und man kann wenigstens nichts sehen.