Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Kinokartenverlierer … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 28.11.2016

503_Stallpflicht

Die Symptome der Erkrankung, unter der ich leide, sind jener einer Erkältung ähnlich, aber viel schlimmer. Mein Schädel ist voller Milchreis. Ich habe bereits tausende Taschentücher druckbetankt und meine Kiefer fühlen sich an als hätte ich 40 Zentner Knäckebrot gekaut. Meine Augen nässen ätzende Flüssigkeit, meine Knochen sind unbeweglich wie die Lokführergewerkschaft und meine Gesamterscheinung gleicht der eines zerfledderten Untoten aus der Serie „The Walking Dead“. Während jedoch Zombies lebende Menschen fressen, verspüre ich keinen Appetit. Nicht einmal auf Pralinen. Es steht schlecht um mich.
Aber Sara stellte heute Morgen lapidar fest, ich hätte einen „Schnuppen“.Das ist natürlich totaler Unsinn. Sie selbst hatte vergangene Woche einen „Schnuppen.“ Sie blies Sekret in Taschentücher, nahm eine Kopfschmerztablette und ging zur Arbeit. Abends kehrte sie zurück, legte sich auf die Couch, trank Tee und las ein Buch. Nach einer knappen Woche war sie wieder gesund. Bei ihr war es eben auch nur ein Schnupfen. Ich hingegen bin wirklich krank. Und ich schätze es nicht, wenn mein Schicksal heruntergespielt wird und als Unpässlichkeit oder schlimmer noch: Als Männerschnupfen bezeichnet wird.
Der Gipfel der Frechheit war heute morgen ihre Behauptung, dass es auf der Welt keine Kinder gäbe, wenn Männer sie kriegen müssten. Die würden sich durch intensive Verhütung vor dem Geburtsschmerz drücken und die Geschichte der Menschheit würde mit gebärenden Männern auf einen Post-It-Zettel passen. Adam. Eva. Ende. Meine Gattin ließ es sich nicht nehmen, meinen schlurfenden Gang zu imitieren und dann sagte sie noch, dass ich aussehen würde wie der schlappe Büroheini aus der Fernsehwerbung für ein Erkältungspräparat. Es habe einen Grund, dass man sich dort gegen eine Frau entschieden habe. Auch die Hustenschleimmonster trügen erkennbar männliche Züge. Schnupfen sei nämlich nun einmal für niemanden wirklich schlimm, außer für Männer. Sie holte ein Stück Ingwer aus dem Kühlschrank und sagte, ich solle zwei Scheibchen davon in heißes Wasser legen und dieses trinken. Dann ging sie zur Arbeit und ließ mich ganz alleine zuhause zurück.
Die trüben Gedanken über mein bevorstehendes Ende werden seitdem nur von Niesen und Fluchen unterbrochen. Beides gibt mir das Gefühl zu leben, wo sonst kein Leben mehr ist. Ich habe Zeit, meine Gedanken zu ordnen, sozusagen die letzten Dinge zu durchdenken. Dabei verdichten sich im fiebrigen Nachdenken vage Vermutungen zu bitteren Gewissheiten. Dafür muss man nur mal die Tatsachen in die richtige Reihenfolge bringen. Da ist Fakt Numero eins: Die Größe eines Virus-Partikels liegt zwischen 22 und 330 Nanometern. Ein Nanometer entspricht einem Millionstel Millimeter. So ein Virus ist also lächerlich klein. Und das soll mich so aus den Socken hauen? Wer’s glaubt, wird selig. Viel wahrscheinlicher ist folgende Erklärung: Die Bundesregierung hat mich mit dem angeblichen Kondensstreifen vergiftet, den ich am Mittwoch am Himmel gesehen und fotografiert habe, weil er so schön aussah. Dagegen spricht lediglich, dass ich der Einzige bin, der so furchtbar erkrankt ist. Das macht eine andere Möglichkeit plausibler, die sich hinter Fakt Numero zwei verbirgt.
Fakt Numero zwei ist nämlich: Ich lege keine Eier, ich bin flügellahm und ich war letzte Woche in Schleswig-Holstein. Die Sache ist damit klar: Ich leide an der Vogelgrippe. Dafür spricht Fakt Numero drei: Es gibt 37 Arten von Kopfschmerzen, die Sie selbst behandeln können. Das habe ich in der Werbung gehört. Wenn das stimmt, dann habe ich aber keine dieser 37 Kopfschmerzarten, sondern einen neuen, gänzlich gegen alles resistenten Kopfschmerz. Den bislang unbekannten Vogelgrippen-Brummschädel.
Soeben kam Sara nach Hause. Ich präsentierte ihr die Fakten und meine schlüssigen Beweise dafür, dass ich nicht nur Mitleid, sondern auch intensive Pflege verdient hätte, aber sie sagte nur: „Leute, die Fakt Numero eins, zwei oder drei anstatt erstens, zweitens, drittens sagen, haben wahrscheinlich mehr als nur ein gesundheitliches Problem. Und heute Abend gibt es Hühnersuppe gegen Deinen Schnupfen.“ Tss. Hühnersuppe. Das ist ja wohl der Gipfel des Zynismus.