Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Buntbarschboy … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 13.12.2016

505_Advents-Deko-Terror

Es gibt gute Gründe dafür, die Adventswochen für sich auszublenden. Glühwein zum Beispiel. Im Fernsehen habe ich gesehen, dass die scheußlichen Punschbecher, die es auf den Weihnachtsmärkten gibt, nie heiß genug gespült werden. Man trinkt die epidemischen Viren fremder Menschen mit. Wahrscheinlich ist die gemeine deutsche Glühweinbude eine perfide Erfindung eines Kartells aus schurkischen Taschentuchherstellern, Apothekern und HNO-Ärzten. Oder die Adventsplörre kommt samt dem verseuchten Geschirr aus Russland und soll unser Land destabilisieren. Das schreit nach einer investigativen Recherche.
Egal. Jedenfalls kann man also schon wegen des Glühweins versuchen, die Weihnachtszeit zu boykottieren. Es ist etwas schwerer als einer Fußballweltmeisterschaft zu entkommen aber viel leichter, als an der Sommerzeit nicht teilzunehmen. Traditionell entscheide ich mich jedes Jahr relativ spät, bei dem Weihnachtsgedöns dann doch zaghaft mitzumachen, denn zugegebenermaßen hat es auch schöne Momente. Man muss ja zuhause nicht „Last Christmas“ auflegen. Wer sich stattdessen für „The Power of Love“ entscheidet, trifft eine hervorragende Wahl. Und niemand wird gezwungen, einen dieser grausamen Riesen-Nikoläuse an seinen Balkon zu binden. Ich vermute sogar stark, dass man vor Gericht straffrei ausgeht, wenn man solch einen bärtigen Plagegeist mit dem Schrotgewehr von der Nachbarfassade ballert. Man kann sich in diesem Fall auf einen übergesetzlichen Notstand berufen, weil diese Dinger schwere Schäden an der Psyche anrichten.
Als ich meinen diesjährigen Widerstand kurz vor dem dritten Advent aufgab, verdonnerte mich Sara, dann aber auch für die Dekoration zu sorgen. Ich ging also in den Keller und stellte fest, dass beim Umzug im Sommer sämtlicher Weihnachtstand kapeister gegangen ist. Das war dramatisch, denn es hat uns Jahre gekostet, zu einer Gestaltung des Weihnachtsfestes zu kommen, die uns damit versöhnte. Ich entschied mich, dann eben antizyklisch zu schmücken, zumal sämtliche Osterartikel komischerweise rasch aufzufinden waren. Ich hängte ein paar alte ausgeblasene Eier im Wohnzimmer auf, verteilte Ostergras auf dem Esstisch, legte Taubeneier und Porzellanhasen hinein, stellte verstaubte Weidenkätzchen in eine Vase und wartete auf Applaus, der sich jedoch nicht einstellte. Beide Pubertiere und meine Gattin standen schweigend vor dem Beweis meiner ästhetischen Exzellenz und schüttelten sacht die Köpfe. Dann zeigte Sara auf die Wohnungstür.
Ich fuhr zum Baumarkt, wo sie eine große Aktionsfläche zu Weihnachten aufgebaut haben. Dort gibt es unbeschreibliche Scheußlichkeiten, die meisten davon brennen nicht einmal, was sie noch unheimlicher macht. Krippenfiguren, Stroh, Stallteile aus Material, das in einer Million Jahren nicht verrottet. Von Kunstschnee überzogene Leuchten, Sterne, Kugeln, Schlitten, Nikoläuse und Engel. Deutschland sieht in diesen Wochen aus, als hätte Helene Fischer die Deko-Abteilung des Landes übernommen. Am Ende entschied ich mich für die simpelste Lösung von allen: Dicke weiße Kerzen und davon viele, sowie rote Bänder und Schleifen. Zu mehr bin ich nicht zu bewegen.
Als ich nach Hause kam, hatte Carla mit ihren vier besten Freunden die Küche gekapert. Sie kochten Glühwein und buken Plätzchen, was in eine unglaubliche Sauerei ausartete. Außerdem hörten sie „Last Christmas“ in Dauerschleife. Sara raunte mir zu, die Kinder backten ironisch. Die Gestaltung des Adventsgebäcks würde durch groteske Überhöhung der Thematik gleichzeitig veräppelt und aber doch gefeiert. Carla habe ihr mitgeteilt, Plätzchenbacken sei so doof, dass es schon wieder krass sei. Ich schmückte das Wohnzimmer und wartete auf Ergebnisse.
Und die konnten sich sehen lassen. Carla und ihre Freunde präsentierten später eine zauberhafte Kollektion von geschlechtsteil-Plätzchen, die sie mit lauwarmem Glühwein servierten. Am besten schmeckte mir das Modell Nikolausens Rute. Wir saßen dann alle beisammen und es wurde noch ein sehr stimmungsvoller Abend. Dank meiner Kerzen und Frankie goes to Hollywood. Man muss zugeben: Am Ende gewinnt die Besinnlichkeit.