Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Fichten-Moped … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 19.12.2016

506_Turbojugend

Meine Lebensgeschichte kommt mir sagenhaft langsam vor, insbesondere meine Jugend, in der man Schallplatten umdrehen und Nadeln in Rillen setzen musste, bevor die Musik spielte. In der man warten musste, bis jemand anders aus der Familie mit dem Telefonieren fertig war, bevor man selber irgendwo anrufen konnte. In der man bei MTV eine halbe Stunde lang geduldig Musikclips anschaute, bis etwas kam, das man mochte. In der man endlos lange brauchte, um ein Mädchen kennenzulernen. Meine Jugend glich einem gemächlichen Blättern im Buch des Lebens, die Jugend meiner Kinder ist eher so eine Art Daumenkino: Es flutscht ihnen in atemberaubendem Tempo durch die Finger. Die aktuellen Pubertiere erleben ungefähr vierhundert Mal so viel wie wir, weil sie alles viel schneller machen. Jedenfalls wenn sie wach sind.
Besonders in punkto Beziehungen legen sie einen Affenzahn vor. Am Dienstag zum Beispiel hat sich Nick von Paula getrennt. Sie waren ein Wochenende lang zusammen, dazu noch den halben Montag. Es sei eine schöne Zeit gewesen, aber am Ende sei es einfach nicht mehr gegangen, teilte er mir beim Frühstück mit. Sie hätten vollkommen unterschiedliche Vorstellungen von einer Beziehung, das habe er schließlich eingesehen. Da habe er sie gedropped. Ich fand das unnötig grausam und fragte, wie er das getan habe. Persönlich? Per Brief? Doch nicht etwa am Telefon? Nick sah mich leicht kopfschüttelnd mit offenem Mund an und sagte: „Wer macht sowas Blödes denn persönlich?“ Ich antwortete, dass es höflicher gewesen wäre, wenn er sie getroffen hätte, um Schluss zu machen, aber das fand er old school wie alles an mir.
Eine Beziehung zu beenden hat für ihn und seine Freunde ungefähr denselben Stellenwert wie ein Anbieterwechsel für Strom, Gas oder Handy. Kann man alles per Kurznachricht machen. Das bedeutet natürlich nicht, dass die Kinder weniger gefühlig wären als wir. Überhaupt nicht. Eher im Gegenteil. Sie durchleben bloß sämtliche Stationen einer Partnerschaft viel rascher als wir, was vor allem damit zu tun hat, dass sie dauernd online sind. Paula und Nick hatten Freitagmittag beschlossen, sich zu mögen und nunmehr ein Paar zu sein. Er setzte dann ungefähr 3765 Kurznachrichten, Emoticons und Fotos an sie ab und erhielt mindestens ebenso viele von ihr zurück. Dann war es Samstag und sie trafen sich. Sie verbrachten Zeit miteinander, dann brannten sie abermals ein wahres Feuerwerk von Textchen und Bildchen ab. Nicks Smartphone brummte und piepte entfesselt. Am Sonntag machte er sich mit dem ununterbrochen vibrierenden Ding in der Hand auf den Weg, um mit Paula und den Anderen aus ihrer Clique Schlittschuh zu fahren.
Er kam zurück, als es dunkel war und es folgten weitere 8621 Messages. Und am Montag war schließlich alles gesagt, da war es aus und Paula Geschichte. Übertragen auf die medialen Möglichkeiten des Jahres 1984 entspricht dieses Wochenende ungefähr einer Beziehungsdauer von fünfeinhalb Monaten. Wir brauchten damals allein deswegen so lange, weil es noch keine kommunikativen Abkürzungen wie Zungensmileys oder Teufelchen gab. Man saß stundenlang an Briefen, die mit der Post gesendet und frühestens am nächsten Nachmittag geöffnet wurden. Und wartete danach ebenfalls einen Tag auf eine Antwort. Mindestens. Heute geht das in Sekunden und man muss sofort darauf reagieren. Sonst ist man ein Alpha-Kevin. In den Augen meines Sohnes bin ich das, denn ich schreibe manchmal Briefe mit einem Füller.
Wenn das in dieser Geschwindigkeit weitergeht, ist mein Sohn mit 18 zwei Mal geschieden und desillusioniert. Vielleicht geht es sogar noch schneller. Er hat mir gerade erläutert, dass für Frauen in seinem Leben kein Platz mehr sei. Sie seien ja doch alle gleich. Er habe dafür keine Zeit. Dann machte es „ping“ auf seinem Handy. Ich fragte ihn, was los sei und er zeigte mir sein Display. Darauf zu sehen: Ein Keks, ein Schlittschuh, ein Smiley mit Herzchen als Augen. „Von Chiara“ sagte er. Und dass er da mal schnell antworten müsse. Ich gebe dieser Sache vier Tage.