Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Aufschneider … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 06.02.2017

511_falsche Sentimentalität

Manchmal wünsche ich mir auch die guten alten Zeiten zurück. Also nicht die ganz alten guten alten Zeiten mit Bakelit-Telefon, Hausbar, Opel Kapitän und Frankfurter Kranz. So weit würde ich nicht zurückgehen wollen, aber so um die zwölf oder dreizehn Jahre. Ich denke dann, die Sache mit den Kindern war damals viel einfacher, nicht so anstrengend und nervtötend und voller Kontroversen wie jetzt.
Ich komme darauf, weil mir eben ein hochgewachsener vierzehnjähriger Gangsterrapper im Flur begegnete, der auf meine Begrüßung mit einem tonlos gemurmelten „mpfhm“ reagierte. Dann schlurfte unser Sohn Nick in die Küche. Ich folgte ihm, um ins Gespräch zu kommen, aber er war nicht in Stimmung. Er öffnete den Kühlschrank, nahm einen Schokoladenpudding heraus und schaufelte die braune Pampe schweigend in seinen Schlund. Er stellte den leeren Becher auf den Herd, legte den Löffel daneben und noch bevor ich den Zeigefinger zum Aufräumen mahnend erheben konnte, war er in seinem Zimmer verschwunden, aus dem kurz darauf schleppende Rhythmen drangen. Wahrscheinlich HaftbefehlKollegahAlligatoah oder im besten Fall Marteria.
Ich setzte mich an den Schreibtisch und wünschte mir meine Kinder in klein zurück. In eine Zeit, in der sie mich nicht „taube Nuss“ oder „alter Mann“ nannten. Damals spielten wir Obstgarten oder sahen uns Nils Holgersson an. Nick hatte dabei immer panische Sorge, dass der winzige Nils im Flug von der Gans fiel. Heute spielt niemand mehr Obstgarten. Nick bevorzugt undurchschaubare Computerspiele, die aussehen wie digitales Lego oder in einer fernen Mittelalterzeit spielen. Und er guckt nicht mehr Nils Holgersson, sondern Videos von Snowboardern, die tatsächlich vom Himmel fallen und in riesigen Schneehaufen landen.
Nun muss man aber gegen derartige Sentimentalitäten harsch einschreiten, denn die Wahrheit ist, dass das Erwachsenwerden der Kinder viele Vorteile hat. Zum Beispiel kann mich mein Sohn beim Telefonieren vertreten, was wir schon öfter ausprobiert haben. Dann hat er einfach statt meiner blöde Anrufe entgegengenommen und einfach fünf Minuten lang „hmja“ gesagt und niemand hat es bemerkt. Fast erwachsene Kinder wissen, wie man nicht verhungert, und rufen den Lieferservice an oder zecken sich bei Klassenkameraden ein. Große Jungen und Mädchen wollen nicht mehr unterhalten werden, im Gegenteil: sie sind angenehm genügsam, was Kommunikation angeht. So kann man das ja auch mal sehen.
Außerdem: Als sie klein waren, war das Leben in Wahrheit gar nicht leichter. Sondern schwerer. Buchstäblich. Überall musste man sie hintragen. Und den Kinderwagen auch. Man musste ständig irgendwas ausklappen, aufbauen, abmontieren, einklappen oder verstauen. Wir mussten ständig eine Umhängetasche mit Windeln, Gläschen und diesen fiesen Reiswaffeln dabeihaben. Diese Tasche war für uns, was der Atomkoffer für Donald Trump ist: Unverzichtbar. Die angespeichelten Reiswaffeln klebten im Auto und auf ungefähr allen Möbeln. Das war nicht schön.
Ebenfalls nicht schön: das bunte Plastikspielzueg, das von irgendwelchen ruchlosen Großeltern geschenkt wurde und überall rumlag. Und dann das Entertainment. Nein, Lauras Stern war nicht großartig, sondern einfach wahnsinnig langweilig. Und Kindermusik von bärtigen alten Männern mit Gitarren ist eine Folter. Wer noch einmal mit Abstand Anne Kaffeekanne hört, wundert sich, wie er lange Autofahrten damals überhaupt ohne Nervenzusammenbruch überstanden hat. Es mag stimmen: Die Zimmer meiner Kinder sehen manchmal wüst aus. Aber: ich muss sie nicht mehr aufräumen, nicht mehr sechs Millionen Bauklötze und Playmobil-Kleinteile in große Körbe schaufeln. Und falls es jetzt noch Zweifel gibt und jemand immer noch glaubt, früher habe man es mit den Kindern besser gehabt, dann sei noch eines angefügt: Ich bin seit Jahren nicht mehr am Sonntagmorgen brillenlos auf dem Weg ins Bad auf einen Sechser-Legostein getreten. Das sind Schmerzen, die kann sich kein kinderloser Mensch vorstellen. Meine Kinder sind zu alt für Sechser-Legosteine. Und ich bin ihnen dafür so dankbar, dass ich ihre Maulfaulheit spielend aushalte.