Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Pubertierhalter … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 06.02.2017

512_kalter Entzug

Bei uns gibt es eine Regel. Sie ist aus Vaterstahl geschmiedet, ich habe sie erlassen, als das erste Smartphone ins Haus kam und sie lautet: Im Bett und bei Tisch keine Handys. Keine Ausnahmen. Natürlich haben die Kinder versucht, diese Regel mit der Zeit auszuhebeln. Aber ich bin unerbittlich. Auch bei meiner Frau. Einmal habe ich ihr vibrierendes Smartphone absichtlich unter einer Kelle Rotkohl begraben. Der Haufen zitterte dann magisch und alle haben gelacht. Bis auf Sara. Aber es musste sein, nur so lässt sich in Zeiten ständiger Digitalisierung in Ruhe und Muße speisen. Inzwischen finden wir das alle gut so.
Auch wenn wir ausgehen, befolgen wir das Gesetz. Die Telefone bleiben in der Hose, beziehungsweise in der Handtasche. So wie neulich. Sara hatte einen Tisch in einem frisch mit einem Stern dekorierten Restaurant bekommen. Am Nebentisch saß ein stummes Pärchen. Mann und Frau stierten in ihre iPhones. Sara machte sich über sie lustig und sagte: „Oh Gott, ein Glück sind wir nicht so. Wahrscheinlich schicken sie sich die ganze Zeit gegenseitig Nachrichten, weil sie gar nicht mehr sprechen können.“ Wir lachten und der Kellner kam und brachte die Weinkarte. Während ich hineinsah, dachte ich an das Fußballspiel, das gerade begann. Eines, dass ich gerne im Stadion gesehen hätte. Aber ich konnte nicht hingehen, weil Sara diesen Tisch reserviert hatte.
Ich fragte mich, ob der FC Bayern mit Ribery spielen würde. Und ob womöglich ein frühes Tor gefallen war. Ich tastete nach dem Telefon in meiner Hosentasche und es flüsterte leise: „Hol mich raus, sieh nach, was ist los mit Dir?“ Im selben Moment nahm mein Über-Ich auf meiner Schulter Platz und wisperte mir ins Ohr: „Untersteh Dich, Du Lump. Kein Handy am Tisch. Und außerdem hast Du Dich eben noch über den Kerl am Nebentisch lustig gemacht. Und sieh, wie charmant Deine Frau lächelt. Willst Du das aufs Spiel setzen?“ Ich lächelte zaghaft zurück, bestellte Wein und war neidisch auf den Typ nebenan.
Als der Hauptgang vorbei war, pfiff der Schiri in der Arena zum Pausentee, wie man in Fachkreisen sagt. Ich überlegte, ob ich mal eben auf die Toilette gehen sollte. Nur, um den Halbzeitstand zu checken. Das fand ich armselig, irgendwie traurig und auch lächerlich. Andererseits: Ich bin ein erwachsener Mann. Ich kann in meine Fußball-App sehen, wann immer ich mag. Geht doch niemanden etwas an. Sara lächelte und sagte, wie toll sie es fände, dass wir beide immer noch einen Abend völlig ohne Medienkonsum bestreiten könnten. Ich nickte, legte mein Handy auf den Tisch und ging auf die Toilette.
Als ich zurückkam, stand sie auf, um ebenfalls den Waschraum aufzusuchen. Sofort nahm ich mein Smartphone in die Hand, aber das Über-Ich, dass inzwischen auf meinem Kopf herumhopste, rief mir zu: „Leg es hin! Die anderen Leute im Restaurant halten Dich sonst für einen Waschlappen, der sich nicht traut, an seinem iPhone zu spielen, wenn die Frau dabei ist.“ Ich legte das Handy wieder zurück. Auf dem Weg ins Parkhaus musste ich Sara wärmen und konnte nicht an mein Telefon. Aber ich schlug ihr vor, dass sie draußen wartete, während ich den Wagen holte. Das sollte mir die nötige Freiheit verschaffen, mal eben nach den Bayern zu schauen. Aber Sara sagte, sie wolle mich in dem dunklen Parkhaus nicht alleine lassen. Während der Fahrt war ich zu stolz, nachzusehen. Außerdem erzählte meine Frau eine sehr interessante Geschichte über einen impotenten Optiker und seine vegane Frau, wobei mir die Zusammenhänge nicht ganz klar wurden. Jedenfalls kam ich nicht dazu, das Smartphone zu entsperren und meiner Neugier zu genügen.
Zuhause gingen wir gleich ins Bett. Dort sind bei uns Handys verboten. Es gibt ja nichts Schlimmeres als Ehepaare, die schweigend nebeneinander im Bett liegen und in ihre Displays glotzen, anstatt Liebe zu machen oder wenigstens zu zanken. Ich legte mein Handy auf den Nachttisch und dachte mit großer Sehnsucht an Franck, Arjen und Manuel. Da sagte Sara: „Es ist torlos unentschieden ausgegangen. Du hast nichts verpasst.“ Dann machte sie das Licht aus. Ich konnte danach lange nicht einschlafen. Bin ich wirklich so leicht zu durchschauen?