Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Textpolizist … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 06.02.2017

513_Donaldismus

Dass man heute mit schlechten Manieren, andauernden Lügen und ordinären Drohungen zur weltweit mächtigsten Person aufsteigen kann, berührt mich nicht nur deswegen, weil ich es für einen zivilisatorischen Rückschritt halte. Es führt auch meine Erziehungsanstrengungen ad absurdum. Da bemüht man sich bald zwei Jahrzehnte darum, dass die Kinder als moralisch integre Persönchen aus dem Haus wackeln und dann muss man feststellen, dass moralische soft skills ungefähr genauso gefragt sind wie Vuvuzela-Tröten mit WM 2010-Logo. Solche habe ich neulich beim Besuch eines Ramschladens gesehen. Für nur noch 50 Cent das Stück.
Egal. Jedenfalls stellt Tugendhaftigkeit offenbar heutzutage den Königsweg ins Verderben dar. Nun ist mir aber natürlich sehr daran gelegen, dass Nick und Carla später als Gesamtsieger aus dem menschlichen Genpool steigen. Also habe ich das pädagogische Steuer beherzt herumgerissen und lebe ihnen seit einigen Tagen vor, wie man agiert, wenn man in Wirtschaft oder Politik Karriere machen will.
Ich begann am Mittwoch mit ersten Maßnahmen, indem ich die Kinder per SMS darüber informierte, dass ich nur noch Rosenkohl, Spinat und dicke Bohnen kochen würde und sie deren Beschaffung von ihrem Taschengeld bezahlen müssten. Carla schrieb zurück, dass sie das Zeug nicht ausstehen könne und wieso sie das bezahlen müsse. Ich schrieb zurück, dass ich das per Dekret beschlossen habe. Nick sagte, er werde nicht zahlen, ich antwortete, dass ich zudem die Kosten für das Internet an sie weiterberechnen müsse, falls sie auf Facebook Lügen über meine Arbeit als Familienvorstand verbreiteten. Carla überreichte mir einen Artikel vom dänischen Erziehungs-Nestor Jesper Juul, in dem es um gleichberechtigte Kooperation in der Familie ging. Ich schrieb ihr eine Nachricht. Darin stand: „Jesper Juul hat hier nichts zu melden. Total überschätzter Pädagoge. Traurig.“ Dann machte ich sie darauf aufmerksam, dass ihre Gäste zukünftig für Getränke zahlen sollten. Langfristig möchte ich mir von dem Geld ein Auto kaufen. Wenn Carlas Freunde nur 16 Euro pro Bier berappen, habe ich das Geld bis Ostern zusammen. Ich verkündete außerdem, dass Süßigkeiten abgeschafft würden malte ein Plakat und hängte es an den Kühlschrank. Darauf stand: „Make gesunde Ernährung great again.“
Aber meine Bemühungen, die Kinder an die neuen Umgangsformen und Regeln zu gewöhnen und auf diese Weise fit for the job zu machen, wurden von ihnen torpediert. Nur einen Tag später veröffentlichte Carla bei Facebook ein Bild, dass sie offenbar heimlich gemacht hatte. Es zeigte einen Mann – der mir zugegebenermaßen sehr ähnlich sah – beim Verzehr einer großen Tafel Schokolade. Darunter stand: „Make the Bauch meines Vaters great again.“ Ich kommentierte: „Fake News. Dieses Bild ist nur ein Versuch, meine Integrität zu untergaben. Traurig.“ Carla bekam ungefähr vierzig Likes, ich nur drei, aber dafür von richtigen Freunden, die ich bloß anrufen muss, damit sie was für mich liken.
Am Donnerstagabend sprachen wir über die Schule und ich sagte, ich sei dort sehr, sehr gut gewesen. Der beste Schüler von allen. Sehr, sehr kompetent in allen Bereichen. Anderntags postete mein Sohn die Kopie meines Zeugnisses von 1983. Ich habe damals nach der Zeugnisübergabe eine Klasse wiederholt. Aus Freude am Lernen, aus Liebe zur Schule. Das habe ich sofort richtiggestellt. Es ist eine alternative Wahrheit.
Gestern Abend haben sie dann zurückgeschlagen. Ich rief sie, den Tisch zu decken und sie erschienen mit zwei gewaltigen Vuvuzelas aus dem Ramschladen, in welche sie dreißig Minuten lang hineintröteten, bis die Polizei auf der Matte stand und fragte, ob ich vielleicht einen an der Waffel habe. Von hinten riefen die Kinder, dass ich sie damit seit Stunden quälte. Ich rief, dass sei gelogen und sehr, sehr schade, dass meine Kinder so etwas behaupten würden, aber die Beamten sagten, ich solle mal zum Arzt gehen und mich untersuchen lassen. Ein erwachsener Mann, der seiner Umwelt mit lautem Quatsch auf die Nerven ginge, das sei ja regelrecht peinlich und eines Vaters unwürdig. Das ist natürlich eine Frechheit. Die haben einfach keine Ahnung, wie man heute Familien führt.