Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Maurerbonbon … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 20.02.2017

515_Das Ende der Satire

Letzte Woche bekam ich eine Mail von einer Dame aus Essen, die mich fragte, warum diese Kolumne so wenig politisch sei. Sie fand, dass man jetzt gerade nicht genug Witze über Donald Trump machen könne. Und über die AfD. Und überhaupt über die Politik. So als Widerstand. Ich habe lange darüber nachgedacht. Die Antwort darauf fällt mir nicht leicht, aber es ist so: ich mache selten Witze über Donald Trump oder die AfD, weil ich beide nicht witzig finde. Trump ist das Gegenteil einer Komödienfigur. Er ist eine reine Tragödie für die Amerikaner und für uns Alle.
Außerdem habe ich den Eindruck, dass die vielen Parodien ihn auf Dauer sympathisch erscheinen lassen. Gestern beim Abendessen sagte mein Sohn Nick, er finde Trump irgendwie ganz witzig. Dabei meinte er gar nicht den Präsidenten, sondern den Schauspieler Alec Baldwin, der ihn ständig im US-Fernsehen parodiert. Auch seinem Pressesprecher Sean Spicer ist diese Ehre widerfahren, er wird sogar von einer Frau nachgemacht. Und etwas von diesen ulkigen Darbietungen färbt auf die Ur-Figuren ab. Für mich ist das ein Problem.
Denn auf diese Weise verzwergen die Ungeheuerlichkeiten dieser Gestalten. Sie werden Teil eines Schauspiels, während sie aber tatsächlich gerade den Weltenlauf bestimmen. Diese Leute sind eben keine Witzfiguren wie der berüchtigte Comical Ali. Der Informationsminister von Saddam Hussein wurde mit grotesken Presseerklärungen berühmt. Einmal behauptete er, amerikanische Soldaten nähmen sich massenhaft das Leben, weil die irakische Übermacht ihnen keinen anderen Ausweg ließe. Tatsächlich jedoch marschierten die US-Truppen währenddessen in Bagdad ein. Der Mann bot gute Unterhaltung, weil er dummes Zeug redete und keine Macht ausübte. Bei Trump und seinen Gefolgsleuten ist leider das Gegenteil der Fall. Sie verzapfen Unsinn, sind dabei aber sogar sehr mächtig. Und das ist gefährlich.
Bei Silvio Berlusconi war der Effekt der Aufwertung durch Satire am Ende gut zu beobachten. Er war politisch als Ministerpräsident längst am Ende, aber seine öffentliche Positionierung als sabbernder Altherrenwitz verschaffte ihm immer noch die Anerkennung von vielen älteren männlichen Italienern, die irgendwie stolz waren auf die respektlosen, rassistischen und chauvinistischen Sprüche des milliardenschweren Geschäftsmannes. Eine ähnliche Wertschätzung erfährt Berlusconis Kollege Donald Trump bei seinen Anhängern, die ihn erst recht mögen, seit seine Angriffsfläche immer größer wird.
Bedeutet das, man müsste ihn einfach machen lassen? Nein. Das nicht. Selbstverständlich muss man unfähige Politiker bloßstellen. Allerdings fürchte ich, dass Politiker über Gebühr aufgewertet werden, wenn man sich andauernd humoristisch an ihnen abarbeitet. Es macht sie zu Opfern. Und Opfer sind irgendwie sympathisch. Das gilt womöglich sogar für diese AfD-Clique. Petry, Gauland, Höcke sind furchtbar unangenehme Menschen. Sie besitzen nicht den geringsten Charme und keinen Funken Humor. Fast scheint es mir, dass diese Typen dankbar dafür sind, von der heute-show oder dem Postillon durch den Kakao gezogen zu werden. Sie selbst rufen durch ihre Tätigkeit jedenfalls kein befreites Lachen hervor.
Dies ist Politikern allerdings meistens nicht gegeben. Häufig sind sie nur unfreiwillig komisch. Die wenigen humorvollen Staatenlenker erkennt man deshalb daran, dass es keine guten Witze über sie gibt, weil sie von sich aus komisch sind. Wie die Bundeskanzlerin, die über einen feinen Humor verfügt. Ich habe auch noch nie eine gute Barack Obama-Parodie gesehen. Aber sein mitreißendes Lachen und seine angenehme Selbstironie wird die Welt nie vergessen. Der womöglich lustigste Präsident und daher völlig immun gegen Spott war übrigens Johannes Rau. Er erzählte gerne Witze und antwortete einst auf die Frage, ob anlässlich der Eröffnung der neuen Schalker Arena nicht auch einmal eine Frau als Namensgeber für ein Stadion fungieren könne mit dem großartigen Satz: „Und wie sollen wir das denn nennen? Dem Ernst Kuzorra seine Frau ihr Stadion?“ Heute könnte man so einen Witz von höchster Präsidentenstelle nicht mehr machen. So rein gendertechnisch. Ach, der Humor hat es schwer in diesen Zeiten.