Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Cliff Barnes … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 01.03.2017

516_Nicks Chicks

Man merkt, dass Jungen noch keine achtzehn sind, wenn man sie über Mädchen sprechen hört. Volljährige Burschen haben sich bereits ein paar Schellen gefangen, wurden bisweilen mehrfach abserviert, mussten schreckliche Lieder schreiben, um dann doch nicht erhört zu werden und haben auf diese Weise schon ein wenig Demut vor dem weiblichen Geschlecht gelernt. Dem Vierzehnjährigen fehlt dieser Erfahrungshorizont und deshalb lässt er sich zu verbalen Grobheiten gegenüber Mädchen hinreißen. Besonders, wenn diese nicht dabei sind. Vor ein paar Tagen hörte ich unseren Nick zu seinem Freund Finn am Telefon sagen, er werde am Wochenende ein paar Chicks klarmachen. Ich wunderte mich über den merkantilen Ton. Nick klang, als habe er vor, die Belegschaft seiner Hühnerfarm zu vergrößern. Dann fragte ich mich, wie er das wohl anstellen wolle. Ich kann mir nämlich gar nicht vorstellen, dass er oder Finn auch nur ansatzweise ein Huhn klarmachen. Nicht einmal bei Wienerwald.
Auf meine Frage, wie er es anzustellen gedenke, ein oder gleich mehrere Chicks zu klären, antwortete er selbstbewusst, er sei die Nummer eins der Klasse und kein Mädchen käme an ihm vorbei. Dabei reckte er seinen Oberkörper und sah mich an wie ein Shisha-Händler mit Gesichtslähmung. Ich fragte ihn, wo die Hühner-Klarmachung stattfinden solle und er antwortete: „Na wo wohl. Bei uns natürlich.“ Bei Finn gehe das nicht, weil der eine neunjährige Schwester habe, die ständig dabei sein wolle. Da sei Finn immer etwas unentspannt. Nick hingegen habe eine große Schwester und die sei am Samstagabend nicht zuhause. Dasselbe erwartete unser Sohn übrigens auch von Sara und mir.
Der Plan sah vor, dass Nick zunächst einmal Pizza für Alle ins Rohr schieben wolle. Man werde dann auf der Couch gemeinsam chillaxen und sehen, was geht. Dies alles untermalt von Klängen aus Nicks feiner Musiktruhe, die neben Rap auch HipHop beinhaltet. Das klang unwahrscheinlich aufregend für mich. Ich regte an, vielleicht das Musikprogramm noch durch irgendwas zu ergänzen, was Mädchen gerne hören, zum Beispiel Shawn Mendez oder David Cassidy. Letzteren kannte Nick nicht und sagte, ich hätte, was Mädchen angeht, nicht genug Swag, um ihm Ratschläge zu geben. Gut, da hat er absolut Recht. Als ich ihn trotzdem noch darauf hinwies, dass eine astreine Körperhygiene absolute Voraussetzung für das Klarmachen von Chicks darstellt, warf er mir einen mitleidigen Blick zu und verwies auf die eindrucksvolle Batterie von Duschgelflaschen und anderen chemischen Keulen, die in unserem Badezimmer unheilvoll oszillierend auf ihren Einsatz warten.
Am Samstag um halb sieben gingen Sara und ich aus dem Haus. Nick, Finn und ihr Kumpel Aziz saßen in seinem Zimmer vor dem Rechner und rochen wie eine Douglas-Verkäuferin kurz vor Ladenschluss am letzten verkaufsoffenen Samstag vor Weihnachten. Sie warteten auf Chiara, Lena und Anna, die gegen 19 Uhr von Lenas Vater angeliefert und gegen 22 Uhr wieder abgeholt werden sollten. Natürlich wollten wir die ganze Zeit weg sein, aber das ergab sich nicht, weil wir dafür einfach zu neugierig waren. Wir malten uns aus, wie dichter Badeschaum aus jeder Ritze unseres Hauses quoll, wie Stroboskopblitze aus den Fenstern zuckten und leicht bekleidete Jugendliche durch den Garten sprangen. Aber nix da.
Ich öffnete um halb zehn die Tür und es war erst ganz still. Im Wohnzimmer saßen die drei Mädchen auf der Couch und starrten in ihre Smartphones. Und aus Nicks Zimmer dröhnte Jungsgebell. Nick und seine Freunde saßen vor dem Computer und bauten irgendwas bei „Minecraft“. Dreißig Minuten später waren die Mädchen weg. Nicks Bericht fiel dann sehr knapp aus. Nach der Pizza seien ihm und den Anderen die Gesprächsthemen ausgegangen und von den Mädchen sei gar nichts gekommen. Also haben die Geschlechter sich getrennt voneinander amüsiert. Er sei ein wenig enttäuscht, weil die Mädchen so unlocker gewesen seien. Am nächsten Tag rief Lenas Vater an. Er berichtete, dass Lena, Chiara und Anna sich extra hübsch gemacht hätten, der Abend sei dann aber irgendwie in Sprachlosigkeit versandet und die Jungs irgendwie süß, aber ziemlich gehemmt gewesen. Chicksklarmachmäßig ist also durchaus noch Luft nach oben. Ich bin eigentlich ganz froh.