Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Diätkenner … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 13.03.2017

518_Übers Reden reden

Nick findet, man könne nicht mit mir reden. Gerade kam er nämlich zu mir, um die Anschaffung einer neuen Gamer-Tastatur zu besprechen. Offenbar hat er einige Tasten durch spechtartige Bearbeitung bei irgendwelchen Online-Spielen aus der Verankerung gelöst. Und nun will er eine neue Tastatur. Doch ich will keine kaufen. Ganz einfach. Und nun ist er der Meinung, man könne mit mir nicht reden. Da hat er nicht ganz Unrecht. Es gibt tatsächlich Themen, über die ich ungern spreche. Dazu gehören Diskussionen über Neuanschaffungen, die ich für blöd, sinnlos und überteuert halte. Dazu gehören auch Gamer-Tastaturen.
Und außerdem wird sowieso viel zu viel geredet. Man kann auch über Themen schweigen. Oder warten, bis der Zeitpunkt günstiger ist. Nick hat die Diskussion über diese Tastatur begonnen, während ich am Telefon mit der Gasfirma über die Abschlussrechnung des Jahres 2016 diskutierte. Und ich kann mich nur auf ein doofes Thema gleichzeitig konzentrieren. Jedenfalls muss man nicht über alles reden und erst recht nicht mit jedem.
Öfter lese ich zum Beispiel, man solle mit den Leuten von der AfD reden. Finde ich ja überhaupt nicht. Kein Wort muss man mit diesen Gestalten wechseln. Am besten wäre es, sie würden sich einfach nur noch mit sich selber unterhalten. Es würde uns viel Quatsch erspart bleiben. Die Argumentation für Gespräche mit der AfD laufen immer darauf hinaus, dass man durch konsequentes Einbinden in Kommunikation ihre Schwachstellen offenlegen könne und sie dann nicht mehr für sich in Anspruch nehmen könnten, von den Medien und den Politikern ausgegrenzt zu werden.
Ich finde beide Thesen falsch, denn erstens liegt die Schwachstelle der AfD bereits in ihrer schieren Existenz begründet und zweitens grenzt man niemanden aus, bloß weil man sich seinen Unsinn nicht anhören mag. Außerdem krankt die Vorstellung einer Diskussion mit AfD-Vertretern an der unbegründeten Hoffnung, man könne sie von irgendwas überzeugen. Glaubt irgendwer ernsthaft daran, dass Björn Höcke wirklich nach einem einstündigen Gespräch unvermittelt die Innenfläche seiner rechten Hand vor seine Stirn schlägt und ruft: „Mensch! Jetzt dämmert mir etwas! Ich habe das selber nie bemerkt, aber jetzt wird es mir klar: Ich bin offenbar rechtsradikal! Das ist ja ganz furchtbar. Entschuldigen Sie, aber ich muss jetzt leider sofort weg, einen Arzt aufsuchen. Aber danke für das gute Gespräch!“ Nein, so richtig wahrscheinlich klingt das nicht.
Und daher sollte man also Gespräche mit der AfD vermeiden. Was hingegen ganz dringend geboten scheint, sind Gespräche mit den Wählerinnen und Wählern der AfD. Die sind nämlich viel wichtiger als die menschgewordenen Raufasertapeten Gauland oder Storch. Wahrscheinlich wäre es richtig, mit den Bürgerinnen und Bürgern ernsthaft über ihre Probleme und ihre Ängste zu sprechen auch wenn uns diese noch so abstrus vorkommen. Voraussetzung dafür ist allerdings eine gewisse Empfangsbereitschaft im fraglichen Teil der Bevölkerung. Der Blogger Sascha Lobo hat das neulich mal probiert, ich habe einen Film davon bei Facebook gesehen und fand ihn auf eine Weise faszinierend, wie man Autobahnunfälle faszinierend findet. Im Zentrum der Aufnahmen sah man den hilflos freundlich in knallrote Gesichter sprechenden Lobo, der von einem kleineren Menschenauflauf umringt die Kommunikation ankurbelte, indem er mehrfach sagte, er wolle gerne reden. Der Menschenauflauf reagierte darauf in der Weise, dass er „Lügenpresse, Lügenpresse“ skandierte und für weitere Differenzierungen nicht zur Verfügung stand.
Genau wie ich bei dieser Tastatur-Sache, das muss ich zugeben. Mein Sohn hat meine kommunikative Bockbeinigkeit jedenfalls satt. Er will mit mir nun auch nicht mehr reden, weil ich keine Ahnung hätte und nur Unsinn verzapfe. Hat er gesagt. Und da wird mir gerade klar: Ich bin sozusagen bei uns zuhause die AfD. Nick erklärt, dass er zukünftig seine Angelegenheiten nur noch mit seiner Mutter kläre. Soso. Wenn ich also die AfD bin, dann ist Sara die Bundesregierung. Das finde ich ganz schön frech. Ich glaube, darüber muss ich mal mit meiner Frau reden. In aller Ausführlichkeit.