Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Nasszelle … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 05.04.2017

521_Die Klassenfahrt

In Manderscheid in der Vulkaneifel kann man wandern. Es gibt eine Burg, Kraterseen sowie eine Wachsmanufaktur und: ein Wacholderschutzgebiet. Man muss sich keine Sorgen machen, dass der Ort zu aufregend sein könnte. Ich weiß das, weil ich schon einmal dort war. Auf Klassenfahrt. In den achtziger Jahren. Manderscheid war dann auch mein Vorschlag für die Klassenfahrt unseres Sohnes. Ich wollte gar nicht, dass sie dorthin fahren. Aber ich musste halt einen Ort angeben. Ulrich Dattelmann, der Elternsprecher, hatte eine Rundmail verschickt, in der er um Ziele bat, die man auf dem Elternabend diskutieren könnte. Weil fast alle anderen Eltern Berlin nannten, brachte ich nur so zum Spaß Manderscheid ins Spiel.
Gestern Abend fand dann der Vorbereitungsabend statt, moderiert von Dattelmann, der eine Agenda mit nicht weniger als 34 Punkten abzuarbeiten gedachte. Er bestimmte mich als Schriftführer, weil ich sowieso nichts Anderes könne, deshalb bin ich über den Ablauf des Abends gut informiert und kann berichten, dass wir nach eineinhalb Stunden bereits drei Tagesordnungspunkte absolviert hatten. Demnach würde es auf der Fahrt keinen Alkohol geben, obwohl in der Klasse bereits zwei Jungs sechzehn sind. Deren Eltern wiesen darauf hin, dass ihre Kinder benachteiligt würden, wenn sie nicht, wie vom Gesetz vorgesehen, saufen dürften, wurden aber überstimmt.
In Punkt zwei wurde die Nutzung von Handys geregelt. Die Diskussion dauerte eine Stunde und wurde von Frau Ackermann dominiert, die unaufgefordert ein Prosemniar zum Thema Handystrahlen hielt. Schließlich wurde die Einrichtung eines Medienkorbes verabschiedet, in welchen die Kinder täglich um 22 Uhr ihre Telefone abzugeben hätten. Die Eltern von Bernadette bestanden darauf, dass ihre Tochter am Mittwoch einmal nach 22 Uhr in Australien anrufen dürfen müsse, um ihrem Bruder zum Geburtstag zu gratulieren. Dies wurde ihr von Dattelmann per Dekret gestattet, was einen Einwurf von Herrn Scholz zur Folge hatte, der das ungerecht fand. Sein Sohn könne ja nichts dafür, dass er keine Verwandten in Australien habe. Es wurde abgestimmt und vereinbart, dass alle Kinder am Mittwoch nach 22 Uhr ein Gespräch führen dürfen, egal mit wem. Auch untereinander.
Punkt drei war schnell durch: Der Lehrkörper wird rechtlich entlastet, falls es zu ungewollten Schwangerschaften kommt. Es sei denn, der Lehrkörper ist aktiv am Zustandekommen von Schwangerschaften beteiligt. Hier konnte man sich schnell einigen, weil das Plenum den begleitenden Mathelehrer Herrn Pangosius einhellig für vertrauenswürdig, aber nicht für attraktiv genug hält, um tatsächlich zu einem Problem zu werden. Die Schüler nennen diesen armen Mann seit dreißig Jahren nicht Pangosius, sondern Pangolin. Das ist der zoologische Begriff für „Schuppentier“. Warum sie ihn so nennen, kann man sich denken.
Gegen 0:56 Uhr, man sprach gerade über Tagesordnungspunkt 34 und den Antrag, veganes Essen für alle zu bestellen, meldete sich Herr Schreiner und erklärte, er wolle noch einmal grundsätzlich über die Reiseziele reden. Die meisten Teilnehmer waren für Berlin. Auch die Kinder. Sie wollten gerne Selfies am Brandenburger Tor machen, am Prenzlauer Berg spazieren gehen, Mauerreste bestaunen und die Adresse von Bushido rauskriegen, um dort zu klingeln, bis er aufmacht und schimpft. Ein sehr guter Plan.
Doch dann hielt Herr Schreiner ein glühendes Plädoyer gegen Berlin, das er für verkommen, ultragefährlich und hässlich hielt. Alleine die schlechte Luft werde die Kinder nachhaltig krankmachen. Eine halbe Stunde lang sprach er. Es ging auf halb zwei. Alle waren müde. Es wurde abgestimmt. Eine Mehrheit sprach sich gegen Berlin aus. Und dann ging plötzlich alles ganz schnell. Dattelmann stellte fest, dass damit nur noch Manderscheid zur Auswahl stünde und automatisch als Zielort feststehe. Damit war die Versammlung geschlossen. Am nächsten Tag kam unser Sohn wütend aus der Schule. Wenn er den Arsch finde, der ihm Berlin versaut hätte, dann Gnade ihm Gott, sagte er. Hoffentlich verpetzt mich niemand. Naja. Wenigstens wird die Fahrt nach Manderscheid erholsam. Vor 11000 Jahren ist ein Vulkan ausgebrochen. Seitdem ist dort absolut nichts mehr passiert