Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Maurerbonbon … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 10.04.2017

522_Der Schläfer

Vor einigen Minuten hörte ich die Haustür. Wenn es „Wetten, daß…“ noch gäbe, gewönne ich jederzeit mit der Behauptung, meine Familienmitglieder am Reinkommen zu erkennen. Gut, es sind nur drei, manchmal auch vier, denn Carlas Freund Alex darf inzwischen auch ohne sie ins Haus und betritt es meistens durch die unabgeschlossene Terrassentür, was ich etwas merkwürdig finde. Wir haben nie darüber gesprochen. Das Haus hat eine Klingel. Er könnte auch einen Schlüssel haben. Aber er kommt durch den Garten und steht dann plötzlich wie der Sensenmann mit dem Brotmesser in der Hand in der Küche.
Jedenfalls kann ich meine Familie an Eigenheiten ihres Reinkommens erkennen. Bei Sara höre ich den Schlüsselbund und das Geräusch, wenn sie einen Kleiderbügel in die Garderobe hängt. Carla hingegen benutzt keine Kleiderbügel. Dafür geht sie, nachdem sie das Haus betreten hat, aufs Klo. Das eben war eindeutig unser Nick. Er ist am einfachsten zu erkennen. Er wirft die Tür zu, wumms. Dann lässt er den Rucksack fallen, rumms, dann geht er ins Wohnzimmer, schlurf, und lässt sich auf die Couch fallen, was ein nicht näher beschreibbares Plumps-Geräusch macht, das lautmalerisch ungefähr klingt wie „sack.“
Manchmal hört man vorher noch die Kühlschranktür, aber meistens nur „sack.“ Dann muss man schnell sein, wenn man ihn sprechen möchte, denn innerhalb weniger Augenblicke ist er eingeschlafen. Seine Müdigkeit ist legendär. Letzte Woche war ich mit ihm im Teppichhaus. Er wünschte sich einen flotten Bodenbelag für sein Zimmer. Dieses Zimmer heißt im internen Sprachgebrauch nur noch: Die Schläferzelle. Wir waren also im Teppichhaus. Die Ausstellungsstücke lagen in großen weichen Stapeln herum. Ich lief mit Nick durch die Reihen, wir fassten Teppiche an, begutachteten die Qualität, Muster und Farben.
Ich prüfte, streichelte und redete vor mich hin. Dann entdeckte ich einen sehr schönen Teppich und sagte: „Was ist mit dem hier? Weich und hochflorig. Hochflorig ist super. Das bedeutet, dass die Chipskrümel ungestört einen eigenen Knabberzeug-Staat da drin errichten können. Nick. Nick?“ Ich drehte mich um, aber mein Sohn war weg. Ich entdeckte ihn schließlich in dreißig Metern Entfernung, wo er auf einem Turm aus Teppichen des Modells „Harmonie“ Platz genommen hatte, um sofort in embryonaler Lage ein Nickerchen zu beginnen. Wir haben uns dann für diesen Teppich entschieden und fuhren nach Hause.
Der Teppichkauf war so anstrengend, dass Nick sich nicht bloß währenddessen, sondern auch danach ein wenig hinlegen musste. Dasselbe muss er auch nach der Schule, nach dem Training, nach dem Essen und nach dem Duschen, sowie vor der Schule, vor dem Training, vor dem Essen und vor dem Duschen. Manchmal machen wir uns Sorgen. Neulich ist er in der Schlange bei McDonald’s eingeschlafen. Ich musste ihn wecken und seine Bestellung aus ihm herausschütteln. Nick erinnert mich an den berühmten Wanja aus einer Geschichte von Otfried Preußler. Wanja verpennt darin Jahre seines Lebens, die er im Wesentlichen schlummernd auf einem Ofen verbringt. Wenn er wach ist, futtert er Sonnenblumenkerne. Eines Tages steht er auf, zieht los und wird am Ende Zar von Russland. Letzteres ist von unserem Nick nicht zu erwarten und ich will auch gar nicht, dass er Zar wird, weil Zaren historisch betrachtet eine kurze Lebenserwartung haben. Es würde mich aber freuen, wenn er mich beim Sprechen wenigstens nicht immer angähnen würde. Forscher sagen, die ganze Sache habe mit dem Melatoninspiegel zu tun. Und dass die Jugendlichen eben abends früher ins Bett müssten. Wenn sie dies beherzigten, sei der Spuk schnell vorbei.
Außerdem gibt es mindestens einen sehr sympathischen Aspekt an der Dauermüdigkeit unseres Kindes, den man mit einem Zitat gut veranschaulichen kann. „Im Kino einzuschlafen bedeutet, dem Film bedingungslos zu vertrauen,“ hat der Filmkritiker Michael Althen einmal bemerkt. Dieses Bonmot lässt sich aufs ganze Leben anwenden: Ständig einzupennen bedeutet, dem Leben bedingungslos zu vertrauen. Dies ist am Ende eine wirklich beruhigende Erkenntnis. Schlaft schön, liebe Kinder. Wenn Ihr aufwacht, liegt immer noch das ganze Leben vor Euch.