Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Schmutzschleuse … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 01.05.2017

525_Ach Italiener

Mehrmals im Jahr muss ich nach Italien reisen, um mich davon zu überzeugen, dass es noch da ist und nicht von den Alpen abgebrochen und geklaut wurde. Das könnte passieren, denn Italien ist sehr wertvoll, weil es ganz besonders schön und ganz schön besonders ist. Ich bin überzeugt davon, dass unsere Welt ein besserer Ort wäre, wenn sie ein bisschen mehr wäre wie Italien. Das gilt vor allem für Frankreich.
Egal. Jedenfalls muss ich öfter nach Italien und wenn ich nicht dort bin, freue ich mich über die Italiener, die zu uns kommen. Zum Beispiel aufs Oktoberfest, wo Italien die einzige Besuchernation darstellt, die nicht da ist, um sich zu besaufen, sondern um lustige Hüte zu kaufen. Italiener sind ohnehin unfassbar lustig, nicht nur in München, sondern zum Beispiel auch in Braunschweig, wo ich neulich einer Abordnung beim Frühstück im Hotel begegnete.
Es handelte sich um etwa achtzig Herren, die Umhängeschildchen mit ihren Namen und dem Logo eines großen deutschen Fahrzeugherstellers trugen. Sie drangen in den Frühstücksraum ein, setzen sich an die Tische und mussten dann mit großem Kummer gewärtigen, dass es dort nur Filterkaffee gab. Einer von ihnen erhob sich und redete auf eine Kellnerin ein, um einen Cappuccino zu bestellen. Er machte dabei einen ebenso desorientierten wie herzerweichend verzweifelten Eindruck. Das können sie, die Italiener, da macht ihnen keiner was vor.
Die Kellnerin erklärte ihm technokratisch, dass sie nur Filterkaffee habe. Und Tee. Die Italiener begannen nun, in kleinen Gruppen auszuschwärmen, um nach Alternativen zu suchen. Nach wenigen Minuten kam einer hereingestürmt und erklärte, er habe in der Hotelbar eine echte Faema E 61 entdeckt. Mit drei Brühgruppen. Das ist der Ferrari Dino unter den Espressomaschinen. Daraufhin setzten sich sämtliche Kollegen in Bewegung, aber die Hotelbar war geschlossen. Nach sehr langen Diskussionen mit der überforderten Rezeption erreichten die Männer, dass erstens die Bar geöffnet und zweitens jedem italienischen Gast ein Cappuccino zubereitet wurde. Ohne Berechnung, denn den anderen Kaffee rührten sie nicht an. Dasselbe galt übrigens für das üppige Frühstücksbuffet. Wurst, Käse, Müsli, Spiegeleier und Bohnen blieben vollständig unangetastet, nur die Croissants und die Portionsdöschen mit Nussnougatcreme waren allesamt verschwunden, als die Italiener nach knapp zwanzig Minuten den Frühstücksraum wieder verließen.
Als ich dann neulich über Ostern in Italien war, ging es an einem Abend ebenfalls um Kaffee. Unsere italienischen Freunde unterhielten sich mit uns über Starbucks. Die amerikanische Kaffeehauskette will bald eine erste Filiale in Italien eröffnen, in Mailand. Das finden die Italiener sehr interessant. Die Idee, den Kaffee aus Pappbechern zu saugen statt ihn aus kleinen heißen Tässchen zu nippen kommt ihnen verwegen, beinahe abenteuerlich vor. Alle sagten, dass sie das gerne mal ausprobieren wollten. Sie sind dem amerikanischen Lifestyle ja nicht generell abgeneigt. Dann fragten sie, ob ich auch schon mal bei Starbucks gewesen sei und was das Besondere daran sei. Ich erzählte ihnen also, dass der Kaffee nichts tauge, es auch Industrie-Backwaren und Sojamilch gebe und dass sie dort Vanillesirup auf die Geschäumte Milch schütteten. Die Italiener begleiteten meine Ausführungen mit interessierten Kommentaren. Dann sagte ich, dass die Starbucks-Filialen freies W-LAN zur Verfügung stellten, damit die Kunden dort besser an ihren Laptops arbeiten könnten. Nachdem ich dies gesagt hatte, entstand eine Stille, gespeist aus völliger Irritation. Dann fragte Massimo: „Warum sollte man in einem Café sitzen und arbeiten?“
Man merkt: So ganz bereit scheinen sie in Italien noch nicht zu sein für die Globalisierung. Der Geldautomat in Ponterio ist auf ausländischen Geschäftsbesuch dann auch nur sehr bedingt vorbereitet. Seine Kenntnisse in Deutsch sind ausbaufähig. Nach Eingabe der Auszahlungssumme erscheint dort der Satz: „Haben sich entschieden, sich zurückzuziehen 100 €“ Diese Formulierung deutet darauf hin, dass die 100 Euro lieber nicht rauskommen wollen. Bestätigt man dennoch furchtlos mit „ja“, öffnet sich die Klappe und spuckt das ganze Geld aus. Wunderland Italien.