Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Kinokartenverlierer … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 08.05.2017

526_Urlaubsintrige

Es häufen sich die Momente, in denen die Kinder einfach so ohne Vorwarnung erwachsen sind. Sie erklären sich dann plötzlich für zu alt für Kinderportionen, sind zu groß für Klebe-Tätowierungen und zu klug für meine Kartentricks. Sie kommen natürlich auch schon lange nicht mehr zu uns ins Bett. Das ist ganz gut so, denn Nick verhielt sich zwischen uns liegend immer wie eine Kompassnadel auf Speed. Manchmal wachte ich auf, weil ich einen großen Zeh im Auge hatte oder seine linke Schulter in der Milz. Ich war daran gewöhnt, es störte mich nicht mehr. Und irgendwann war es plötzlich vorbei, Doch anstatt diesen wesentlichen Schritt in die Adoleszenz feierlich zu verkünden, tauchte Nick bloß einfach nicht mehr auf. Darauf angesprochen sagte er damals nur lapidar, er sei zu alt für so etwas.
Es gab auch eine bestimmte Sorte sauren Gummizeugs, die er gerne aß. Eine Delikatesse, bei deren Anblick sich meine Wangentaschen panisch nach innen stülpten. Ich kaufte es oft, aber es lag zuletzt wochenlang ungeöffnet im Schrank. Als ich ihn danach fragte, sagte er nur, er sei zu groß dafür. Er mag auch keine Hörspiele mehr, keine Hosen ohne Löcher und kein Super Mario-Kart. Sein früherer Held Homer Simpson wurde schon vor längerem durch Peter Griffin ersetzt, dem Held der viel härteren Serie „Family Guy“. Natürlich bin ich gar nicht so sentimental wie es gerade klingt. Ich bin bloß langsamer als meine Kinder. Ich brauche mehr Zeit für Veränderungen als sie.
Gestern Abend folgte völlig unangekündigt ein weiterer und sehr großer Schritt, mit dem sich Carla und Nick weit aus unserer kleinen Welt hinauswagen: Sie wollen nicht mehr mit uns in den Urlaub fahren. Beide nicht. Gar nicht mehr. Wir saßen am Küchentisch und ich breitete die Ferienplanung vor ihnen aus. Ich dachte daran, endlich mal wieder für fünf bis sechs Wochen nach Italien zu fahren. Ist ja schön dort. Man kann als Jugendlicher in der Pizzeria mit den Kindern aus dem Dorf am Tischkicker rumstehen, bis das Essen kommt.
Nick verschränkte die Arme und sah an die Decke. Carla drehte mit den Fingern eine Locke in ihr Haar und sagte: „Das wäre wirklich zauberhaft, aber leider habe ich schon etwas Anderes vor.“ Ich fragte belustigt, was man denn im Sommer bitteschön Anderes vorhaben könne als nach Italien zu fahren. Darauf legte sie ihre Ziele dar. Sie waren zahlreich und offenbar bereits minutiös durchgeplant. Zuerst gedenke sie, mit ihrer Freundin Emma nach Paris zu fahren. Von dort ginge es gemeinsam zunächst nach Südfrankreich, dann nach Spanien. Barcelona. Madrid, Valencia und von dort rüber nach Ibiza. Man werde mindestens vier Wochen unterwegs sein. Mit dem Zug sowie einem Zweifrauzelt, wie sie betonte, weil sie nicht mit einem Zweimannzelt zu reisen gedenke. Der Rückweg über die Schweiz sehe als krönenden Abschluss den Besuch eines Open-Air-Festivals vor.
Wenn man da im Gegenzug als Programm lediglich einen kaputten Tischkicker in der Dorfpizzeria zu bieten hat, sieht man natürlich alt aus. Ich schaute verzweifelt zu Nick rüber, der seine Unterlippe vorschob und sagte: „Schau mich nicht so an. Ich habe im Sommer auch keine Zeit.“ Dann setzte er mir auseinander, dass ihn sein Freund Finn gefragt habe, ob er mal mit ihm und seinen Eltern verreisen wolle. Nach Dänemark. Und es finde eine Surf-Reise vom Sportverein statt, an der er teilzunehmen gedächte. Und er wolle gerne mal wieder seinen Cousin besuchen. Zudem habe er Italien nun schon intensiv bereist und das deutliche Gefühl, er sei inzwischen zu alt für Italien. In seiner Wahrnehmung ist Italien offenbar ein Kinderland. Sara lächelte mich an und sagte, dass dies wohl der Lauf der Dinge sei. Da könne man nichts machen. Nick und Carla hatten sich in Wahrheit längst mit ihr abgesprochen. Und sie kann sich einen Urlaub ohne unsere Kinder anscheinend sehr gut vorstellen.
Aber was wird jetzt aus mir? Soll ich Kinder adoptieren, die mit mir Urlaub machen? Ich kann doch unmöglich ganz alleine mit meiner Frau fahren. Was sollen wir denn bloß den ganzen Tag miteinander anfangen? Wem zeige ich denn jetzt meine uralten Kartentricks? Und vor allem: Wer macht jetzt mit mir Arschbombe? Ganz alleine bringt es das ja nicht. Andererseits: Wahrscheinlich bin ich für Arschbomben wirklich langsam zu alt.