Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Nutella-Lobbyist … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 11.09.2017

544_Meine Urlaubsbilanz

Manchmal beneide ich die Menschen, die sich im Urlaub in den Flieger setzen und einfach irgendwohin düsen, wo sie weiter nichts machen müssen als essen, Tempel angucken und Fotos von Bananen machen. Manche reisen auch in Länder, in denen sie sich Strapazen auferlegen, auf Berge klettern oder vor Drogenbauern davonlaufen. Und ich habe über Facebook einen Film gesehen, in dem Touristen verhaftet werden, weil sie in der Washingtoner Gedenkstätte zu Ehren des Präsidenten Thomas Jefferson getanzt haben. Und zwar ohne Musik. Einfach so, im Stillen. Es ist völlig einleuchtend, dass man dafür von Polizisten zu Boden geworfen und in Handschellen abgeführt werden muss.
Ich höre auch von Menschen, die nichts erkunden und auch nichts kaufen auf ihren Reisen, sondern sich einfach bloß entspannen. Deren Fotos im Internet zeigen meist: Füße, die auf einer Liege liegen sowie dahinter die Aussicht auf das Meer, die Berge oder einen Garten. Oder sie fotografieren Essen oder das Buch, das sie gerade lesen. Andere posten aus dem Flugzeug den Anflug auf exotische Inseln und fragen dann schelmisch: „Wo bin ich?“ Und nur, wer schon mal in Male gelandet ist, kann die Antwort geben. Und wieder andere schreiben ellenlange Berichte von verspäteten Flügen und wie sie auf dem Wochenmarkt in Guatemala-Stadt sieben Orangen erworben haben. Ja, ich würde mir diese und andere Aufgeregtheiten auch gerne mal gönnen. Aber ich muss ja immer nach Italien.
Dort gibt es, soviel ich weiß, keine Gedenkstätte für Thomas Jefferson und auch keine verspäteten Flüge, weil wir immer mit dem Auto anreisen. Wenn wir ankommen, muss ich den Kofferraum auspacken, weil sämtliche Insassen, die mich begleitet haben, sofort verduften, sobald der Motor abgestellt ist. Nachdem ich das Gepäck in immer dasselbe Ferienhaus gebracht habe, muss ich die Klospülung reparieren und den Skorpion aus Carlas Zimmer hinausbegleiten. Sara findet dann, dass der Rasen gemäht werden muss, damit man nicht in eine Schlange tritt. Mein Einwand, dass wir dort noch nie eine Schlange gesichtet haben, wird mit dem Gegenargument gekontert, dass diese nur in hohem Gras anzutreffen seien. Ich mähe den rasen. Dann mache ich Kaffee. Gäste kommen und bleiben eine Woche. Sie sprechen meistens italienisch und finden mich sehr nett, weil ich Liegestühle ausklappe, am Klo rumschraube und ins Dorf fahre, um Torta della Nonna zu kaufen.
Am neunten Tag möchte ich mich in den Garten legen und plane die Aufnahme eines Fotos, welches meine Füße beim Relaxen zeigen soll. Ich komme aber nicht dazu, weil plötzlich ein Polizist vor mir steht, der wissen möchte, ob wir das Gemeindewasser zum Gießen des Gartens verwenden, was verboten ist. Wegen der Wasserknappheit. Ich weise ihn auf den gerade heftig tätigen Rasensprenger der Nachbarn hin und der Mann erläutert, dass es sich um den Rasensprenger des Bürgermeisters handele. Und solange ich nicht Bürgermeister sei, müsse ich mich an Regeln halten. Dann nimmt er ein Stück Omatorte mit und geht wieder.
Nach zwei Wochen habe ich sämtliche Renovierungsarbeiten am gemieteten Objekt abgeschlossen. Ich müsste das nicht machen, aber es gibt meinem Aufenthalt einen Sinn. Und dann wird es doch ein bisschen aufregend. Ich rege an, einmal in eine Großstadt zu fahren, zum Beispiel nach Rom. Also fahren wir hin und parken das Auto auf einem Parkplatz, der um 18 Uhr schließt. Die Herausgabe des Wagens um 18:03 Uhr erfolgt nach Aussage des Parkwächters nur gegen Bezahlung eines zweiten Tagestickets für den darauf folgenden Tag. Nachdem Sara den Mann nach Landessitte als Culone, Faccia di Minghia und Schifoso bezeichnet hat, holt dieser seinen Bruder und ich fürchte, dass wir zu Boden geworfen und verhaftet werden, aber wir sind ja nicht in Amerika. Komischerweise müssen wir am Ende gar nichts bezahlen, weil die Herren beeindruckt sind von Saras argumentativer Brillanz.
Auf dem Rückweg geht die Einspritzpumpe vom Auto kaputt und wir fahren mit 40 km/h über den Brenner nach Hause und verursachen einen achtzig Kilometer langen Stau. Das war schön. Man hat das Gefühl, gesellschaftlich etwas zu bewirken. Nächstes Jahr fahren wir wieder nach Italien.