Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Aufschneider … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 18.09.2017

545_Carla am Wahlomat

Der Alltag einer jungen Person von noch nicht ganz neunzehn Jahren ist kompliziert. Man hat seinen Platz im Leben noch nicht gefunden und man muss beim Einparken nach hinten gucken und darf dabei kein Handy am Ohr haben. Und nun soll man auch noch wählen. Carla ist davon überfordert, was ich verstehen kann. Die Prozedur ist heute weitaus komplizierter als bei meiner ersten Bundestagswahl. 1987 gab es im Grunde nur vier Parteien. Das Land wurde von Helmut Kohl regiert, die SPD stellte den Herausforderer Rau, dessen Partei am Ende 37 Prozent erhielt – und verlor. Die Liberalen kamen auf neun Prozent und die Grünen auf acht. Es war ein übersichtliches Leben damals, denn den Osten samt Linke und AfD gab es noch nicht. Es existierte lediglich Westberlin „und drumherum lauert der Russe“, wie der Liedermacher Ulrich Roski einmal gescherzt hat.
Für junge Menschen war das Wählen also sehr einfach, die Entscheidung erfolgte entweder nach Familientradition oder aufgrund von Sympathien. Diese speisten sich oft aus der Jugendarbeit der Parteien. Wer bei der Jungen Union oder den jungen Liberalen aktiv war, der hatte auch Mathe-Leistungskurs und einen Pilotenkoffer sowie einen Kugelschreiber in der Brusttasche. Wer das alles nicht hatte, wählte Grün oder sozialdemokratisch. Peng, fertig. Heute ist die Sache komplexer. Carla rechnet damit, dass Angela Merkel Kanzlerin wird, wie immer. Fall dieser Schulz jedoch gewönne, sei es ihr auch Recht. Er könne ja dann Frau Merkels bunten Jackets auftragen, man würde dann wahrscheinlich keinen großen Unterschied zwischen ihrer und seiner Regentschaft wahrnehmen. Dann spiele ich mit ihr den Wahlomat durch, denn ich möchte wissen, welche Partei bei ihr die Zweitstimme erhält.
Sie nimmt sich dafür viel Zeit, stellt jedoch fest, dass sie sich für zahlreiche Themen nicht die Bohne interessiert. Insgesamt setzt sie sich bei der Beantwortung der Fragen recht willkürlich überall dort ein, wo es um Bürgerrechte geht. Ein Tempolimit lehnt sie daher ebenso strikt ab wie eine Obergrenze für Flüchtlinge und zwar beides mit der Begründung, sie fände es grundsätzlich schön, wenn Menschen unterwegs seien. Sie ist darüber hinaus für den Ausbau alternativer Energien und für den Abbau von Braunkohle, weil beides Arbeitsplätze bringe und man müsse dann später einmal sehen.
Was den Export von Waffen angeht, ist sie sich nicht sicher. Einerseits findet sie es nicht gut, wenn Menschen aufeinander schießen, andererseits sollten diejenigen, die im Recht sind, wenigstens treffen. Dafür sei deutsche Wertarbeit hilfreich. Ob jedoch immer diejenigen im Recht sind, die mit deutschen Waffen schießen, weiß man natürlich nicht. Da ist sie unentschieden, findet jedoch, dass die Zusammenarbeit in Europa verbessert werden und der Euro natürlich behalten werden soll. Sie ist einfach eine gebürtige Europäerin und versteht überhaupt nicht, wie man das anders sehen kann. Dass es Leute gibt, die das europäische Modell ablehnen, findet sie vollkommen weltfremd und unfortschrittlich.
Insgesamt liegen bei ihr die Linken, die Partei und die Grünen gleichauf, gefolgt von der CDU. Komischerweise kommt die SPD erst danach. Dabei wollte sie die eigentlich wählen. Weil dann endlich auch mal ein Mann Kanzler werde, Stichwort Geschlechtergerechtigkeit. Die FDP fällt bei ihr übrigens durch, weil die Partei „Die Partei“ bei ihren Einlassungen im Wahlomat enthüllt, dass sich der FDP-Chef einer Haartransplantation unterzogen hat, was diesen für Carla sofort unwählbar macht.
Aber die Wahl einer Partei für den nächsten Bundestag ist nicht die wichtigste Entscheidung, die mein Kind gerade zu treffen hat. Sie sucht nämlich zurzeit einen Namen für eine Punkrockband, die sie zu gründen gedenkt. Ihr schwebt ein feministisches Konzept vor. Also nur sie und feministische Jungs, weil Mädchen nicht gut genug an den Instrumenten seien. Sie hat bisher zwei Favoriten für den Bandnamen. Entweder, sie nennen sich „Die angepissten Bäume“. Oder, und das ist jetzt mein Favorit, sie heißen „Hysterie und Penisneid“. Das finde ich für eine mehrheitlich aus Männern bestehende feministische Band einen herausragenden Namen. Kein Wunder, dass die Bundestagswahl gegen so eine Entscheidung nicht ankommt.