Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Kinokartenverlierer … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 02.10.2017

546_Die Putztruppe

Nachdem unsere Putzfrau Kaya den Dienst quittiert, dazu dürre Abschiedsworte in der Küche hinterlassen hatte und fortan telefonisch nicht mehr erreichbar war, beschloss ich nach einer mehrwöchigen Schockstarre, dass wir keine Putzfrau mehr brauchten. Ich fand, dass man das Geld sinnvoller investieren könne, zum Beispiel in ein automatisches Klavier oder eine professionelle Zapfanlage für Nicks Zimmer. Außerdem ist selber Putzen keine Schande. Es ist gut, wenn man seine Dinge selber in die Hand nimmt. Zudem habe ich gelesen, dass man beim Putzen mehr Kalorien verbrennt als beim Sex. Putzen ist also mehr als nur ein Ersatz, es ist eine sinnvolle Alternative zur körperlichen Liebe und die Bude riecht anschließend besser.
Und weil es ohne pädagogische Zwangserkenntnis nicht geht, war ich außerdem der Meinung, dass der Verzicht auf eine Putzhilfe eine gute Gelegenheit bietet, den Kinder zu mehr Selbständigkeit zu verhelfen. Ich ersann einen Putzplan, der für sämtliche Mitglieder meiner wundervollen Familie Aufgaben und feste Arbeitszeiten vorsah. Alle zwei Tage sollte irgendwer etwas im Haushalt machen. Bügeln oder wischen, aufräumen oder saugen. Ich war sehr stolz auf meinen minutiösen Plan, den ich bis zum Jahreswechsel austüftelte, weil ich gerade ein Buch bei meinem Verlag abgeliefert und deshalb viel Zeit habe.
Am letzten Samstag war ich als Erster dran und absolvierte meinen Putzdienst ohne Freude, aber mit Erfolg. Außerdem hatte ich das Gefühl, durch das intensive Einatmen von Essigreiniger am Ende nicht nur das Badezimmer, sondern auch meine inneren Organe gründlich gereinigt zu haben. Sara, Nick und Carla nahmen meine Schufterei mit interessenlosem Gleichmut zur Kenntnis. Carla stellte lediglich fest, dass ich wie früher Kasia auf polnisch fluchen möge, das fehle ihr nämlich und mache mein Wirken authentischer.
Am Montag war Nick an der Reihe und sollte Böden wischen. Aber er wischte nicht. Als ich ihn darauf ansprach, erklärte er mir, er könne nicht wischen, weil er nun einmal nicht wischen könne. Also zeigte ich es ihm. Ich habe als Zivi im Einsatz für den Mobilen Hilfsdienst circa drei Millionen Treppenhäuser und Wohnungen von älteren Menschen geputzt. Und zwar mit Trockenwischen. Und ohne diese patentierten faltbaren Plastikschrubber, die man, ohne sich zu bücken, ausdrücken kann. Zu meiner Zeit wurden noch dreckige Putzlumpen mit den nackten Händen ausgewrungen. Und zwar bis die Haut runzlig und spröde wurde.
Egal. Ich zeigte Nick also, wie man einen Boden wischt, aber er wollte es noch einmal sehen und stellte interessierte Fachfragen, deren Antworten ich in der Praxis demonstrierte, bis der ganze Boden sauber war. Nick bedankte sich und ging in sein Zimmer. Immerhin stellte er in Aussicht, irgendwann auch mal zu putzen, das habe sehr interessant ausgesehen. Ich räumte das Putzzeug weg und fühlte mich verschaukelt. Dasselbe Gefühl stellte sich ein, als Carla am Mittwoch staubsaugte und Hindernisse wie zum Beispiel Teppiche, Stühle oder ihren Vater weiträumig umfuhr. Sie benötigte für alle zu saugenden Räume weniger als fünf Minuten und ließ den Staubsauger im Flur stehen. Dazu erklärte sie, dass ich als Putz-Taliban mit dem Ergebnis bestimmt nicht zufrieden sei und womöglich nacharbeiten wolle. Sie gab mir einen Kuss und entschwand. Ich saugte dann und eigentlich mag ich das, weil es so schön knistert und klimpert und klingelt, wenn man Chipskrümel von Carlas Mädelsabend beseitigt. Man sieht den Saugerfolg und das hebt die Laune. Eigentlich bin ich eine zu spät geborene Hausfrau mit Wirtschaftswunder-Ethos.
Am Freitag war ausweislich meines Putzplanes Sara an der Reihe, durchs Haus zu feudeln und Staub zu wischen. Sie hatte aber erstens keine Zeit, zweitens hielt sie es nicht für dringend nötig und drittens fand sie, dass man auch einfach eine neue Putzfrau suchen könne. Sie habe sich umgehört und von ihrer Freundin Annette einen heißen Tipp erhalten. Dann gab sie mir einen Zettel, darauf stand der Name „Wisna“ und eine Handynummer. Und dann sagte sie noch: „Ich hätte sie längst angerufen, aber Du hattest so eine Freude am Putzen. Und außerdem hast Du ja momentan sonst nichts zu tun.“ Unerhört. Ich werde ganz schnell ein Buch schreiben, damit ich nicht mehr putzen muss. Und jetzt rufe ich bei Wisna an.