Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Yeti … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 23.10.2017

550_Massenmesse

Bin noch ganz zerrupft und erschöpft von dieser Buchmesse. Man braucht wirklich einige Tage, um sich davon zu erholen. Dabei ist die Veranstaltung als solche keineswegs aufregend, sondern überaus langweilig. Menschen an Messeständen stehen vor ihren Hervorbringungen, an denen nichts mehr zu ändern ist, was in vielen Fällen aber ganz gut wäre. So genannte Fachbesucher schlendern über diese Stände und klauen Konferenzkekse oder versuchen, miteinander ins Gespräch zu kommen. Das gelingt häufig und dann tauschen sie Branchenklatsch aus. Dieser unterscheidet sich nicht vom Getratsche auf anderen Messen. Die wichtigsten Messen in Deutschland sind: Die „Kachel“, internationale Baustoffmesse in Stuttgart. Dann die „Aggressiva“ (Polizeiausrüstung und Wehrtechnik, Hamburg) sowie die „Brot und Buddha 2017“ (Ernährung und Nachhaltigkeit, Leipzig).
Aber die allergrößte Messe ist eben jene Buchmesse in Frankfurt und besonders groß ist sie am Sonntag, denn da sind die Fachbesucher weg. Schon beim Frühstück führt dies im Hotel zu großem Gestöhne und Gejammer. Die Lektoren und Verleger sind abgereist, aber die Kolleginnen und Kollegen aus dem Vertrieb müssen dableiben und greinen in ihr Rührei, dass es gleich losginge. Wie eine Büffelherde werde es über die Stände hereinbrechen: Das Publikum. Wenig später öffnet die Messe für die Masse und diese strömt durch die Hallen und verbraucht innerhalb von wenigen Sekunden den ganzen Sauerstoff. Und das, obwohl es dafür eben keinen Grund gibt. Es passiert ja nichts. Man kann lediglich mehrere hunderttausend neue und ältere Bücher angucken und Verlagsprospekte mitnehmen. Diese landen in Rucksäcken oder gar Rollkoffern, die den ganzen Tag in endlosen Bahnen durchs Gelände gezogen werden wie kleine Pflüge mit vorgespannten Lesern.
Da und dort werden öffentliche Interviews veranstaltet, deren Sinn mir nicht klar ist, denn das Publikum nutzt die Sitzgelegenheiten auf der Messe vor allem, um zu verschnaufen und die Prospekte im Koffer umzuschichten. Rein inhaltlich sind diese Gespräche daher sehr transitorisch und werden von der Masse eher hin– als angenommen. Ich habe in den letzten Tagen zahlreiche solcher Termine absolviert und dabei natürlich immer ins Publikum geblickt. Ich habe nun bis zu meinem Lebensende eine Dame deutlich vor Augen, vor allem den Moment, wo ihr beim Hineinbeißen ein Hotdogwürstchen in Zeitlupe aus dem Brötchen gleitet und dann wie eine in Senf und Ketchup getunkte Malerrolle ihre Bluse überquert.
Bei meinen Gesprächen passiert leider nie etwas Aufregendes, aber bei Roberto Blanco wird damit gerechnet. Er ist beim ARD-Forum vor mir dran und hat gleich zwei Bodyguards dabei. Man fragt sich natürlich, wovor der Mann Angst hat und später lese ich, dass er auf einem Messestand von seiner Tochter attackiert wurde. Ich habe noch Termine, auf denen ich Branchenklatsch weitergebe, indem ich jedem erzähle, dass Roberto Blancos Augenbrauen aussehen wie aufgemalt oder sogar tätowiert. Mehr literarische Tratschgeschichten habe ich nicht auf Lager, denn ich komme auf der Messe nie mit Literatur in Kontakt.
Ich reise am Nachmittag ab und fahre nach Köln weiter. Im ICE spricht mich ein kleiner Mann an und fragt in sehr schlechtem Englisch, ob die nächste Station der Kölner Hauptbahnhof sei. Ich verneine und erkläre ihm, dass dieser Zug nach Deutz führe. Er müsse dort aussteigen, den Bahnsteig wechseln und dann eine Station mit einem Regionalzug fahren, um zum Bahnhof zu gelangen. Er findet das sehr kompliziert und da hat er Recht. Also biete ich an, ihm den Weg zu zeigen, denn ich muss ja auch umsteigen.
Auf dem Weg erzählt er mir, dass er aus Chile komme und auf der Buchmesse lateinamerikanische Lyrik verkaufen wolle. Er habe sich aber frei genommen, weil am Sonntag keine Fachbesucher mehr da seien. Er wolle nun einmal Deutschland erkunden. Er liebe Deutschland, sagt er. Wir fahren dann über den Rhein, ich zeige auf den Dom und empfehle einen Besuch. Der Zug rollt im Kölner Hauptbahnhof ein, wir steigen aus und geben uns die Hand. Da fällt ihm noch etwas ein und er fragt, ob ich ihm noch schnell den Weg erklären könne. Zum Brandenburger Tor.