Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Nachbar … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 21.11.2017

551_Sondierung zuhause

Das Zusammenleben mit Pubertieren wird leichter, wenn man nicht mehr darauf achten muss, ob sie gerade Ameisen essen, von Bäumen stürzen oder sich Buntstifte in die Nase schieben. Außerdem entfallen das Gutenachtlied und das Vorlesen. Ersteres wird am Telefon von jungen Männern übernommen, die sich für nichts zu doof sind. Und das Vorlesen macht bei uns Marc-Uwe Kling mit seinen Känguru-Geschichten. Ich nehme an, dass Carla jede Silbe davon rückwärts mitsprechen kann. Das ist der Beweis, dass Pubertiere sehr wohl Sachen auswendig lernen können. Schade bloß, dass die genaue Kenntnis der Känguru-Trilogie im Abitur wenig gefragt ist.
Das Zusammen unter einem Dach leben ist jedoch gleichzeitig auch schwerer geworden, denn sobald es um Themen geht, die abgestimmt werden wollen, driftet der Familienverbund unheilvoll in vier verschiedene Richtungen. Ein Beispiel: Früher war die Entscheidung für ein Familienauto schnell getroffen, weil dieses nur groß genug für Alle sein musste. Inzwischen ist dies nicht mehr unbedingt das wichtigste Kriterium, schon weil Carla nur noch selten mitfährt. Sie ist überhaupt ganz gegen Autos. Nick hingegen würde einen Pickup favorisieren, Sara wäre für etwas kleines Praktisches und ich für etwas kleines möglichst Unpraktisches. Ein Modell, das für alle Beteiligten gleichsam taugt, habe ich noch nicht entdeckt.
Dasselbe beim Essen. Wir können uns nicht mehr darauf einigen, wohin wir gehen sollen. Nick votiert für Burger, die mir als Food-Trend langsam derart auf die Zwiebel gehen, dass ich kurz vorm Hungerstreik stehe. Ich möchte mal wieder einen vernünftigen Braten essen. Carla lehnt dies als barbarisch ab und besteht auf Superfood und Sara hätte Lust auf Pizza. Es existiert auf diesem Planeten kein Restaurant mit einer Speisekarte für uns Alle. Und übrigens auch keinen Musiker, der für uns als Familie ein Konzert gibt. Vor zehn Jahren war es Robbie Williams, der weltweit das Kunststück fertigbrachte, für mindestens zwei Generationen und unterschiedliche Geschlechter vertretbar zu erscheinen. Heute will Nick zu Cro, Carla aber lieber zu Schnipo Schranke. Da würde Sara niemals mitgehen, denn sie möchte Coldplay sehen – und ich im Grunde nur Neil Young. Wer mir einen Künstler nennen kann, der für diese familiäre Freizeitaufgabe einen Kompromiss darstellt, bekommt von mir wahlweise einen Braten oder ein Tütchen Superfood.
Und die Misere geht weiter. Gestern machte ich den Fehler, einen gemeinsamen Kinobesuch vorzuschlagen. Früher war das simpel: Man ging in einen Pixar-Film und alle waren zufrieden. Inzwischen sind quälende Sondierungsgespräche vonnöten. Verglichen mit unseren vier Parteien zuhause betreiben die in Berlin Party-Smalltalk. Wir saßen also vor der aufgeschlagenen Zeitung und jeder durfte einen Vorschlag machen. Ich votierte für den Film über Björn Borg und John McEnroe, weil das Helden meiner Kindheit waren und ich dachte, Tennis sei irgendwie mal wieder dran. Aber alle sahen mich mit schreckgeweiteten Augen an. Nick schlug dann „Fuck ju Goethe 3“ vor und wurde dafür umgehend von seiner großen Schwester derart derbe beschimpft, dass ich dachte, sie hätte dort am Drehbuch mitgewirkt.
Carla ist grundsätzlich gegen deutsche Komödien, weil sie findet, dass den Deutschen irgendwie die Coolness für Humor fehlt. Soso. Das ist ja allerhand, kann ich da nur sagen. Sie votierte für die Fortsetzung von „Blade Runner“, der nur ganz schwer als Komödie durchgeht. Dafür spielt Ryan Gosling mit, was Carla für die fehlenden Lacher entschädigt. Sara führte dann noch „Körper und Seele“ ins Feld. In diesem ungarischen Film verliebt sich ein Schlachthof-Mitarbeiter in seine autistische Kollegin. Um die Sache abzukürzen: Wir kamen auf keinen Nenner und blieben zuhause.
Aber wir haben uns trotzdem später noch auf etwas einigen können, was dann Allen gefiel. „Stranger Things“ bei Netflix. Auf amerikanische Art moderat lustig, dazu spannend. Die Hauptfiguren sind pubertierende Jungs, Winona Ryder spielt als Identifikationsfigur für alle Mütter mit und der Soundtrack klingt sehr nach meiner eigenen Jugend. Man muss schon sagen, diese Serie ist ein Generationen verbindendes Wunder.