Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Bahn-Opfer … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 21.11.2017

552_Eine neue Tradition

Tradition heißt so, weil es ein wenig dauert, bis man es überhaupt Tradition nennen kann. Es hat zum Beispiel einige Jahrzehnte gedauert, bis es zumindest im Süden Deutschlands als Tradition anerkannt wurde, dass Bayern München die deutsche Meisterschaft gewinnt. Inzwischen hat man sich auch in anderen Landesteilen daran gewöhnt. Ähnlich zäh verläuft der Siegeszug von Halloween. Von einer Tradition kann man da meiner Meinung nach noch nicht reden, aber die Kinder meiner Kinder werden das vermutlich später einmal so einstufen. Ich persönlich kann mit dem Kürbisfest nichts anfangen, aber wenn es darum geht, Kinder glücklich zu machen, möchte ich nicht abseitsstehen. Außerdem kann ich es mir nicht leisten, als einziger Nachbar keinen Kürbis vor der Tür und Süßigkeiten dahinter zu haben. Man gilt auf dem Land schnell als sonderbar und wenn man nicht mehr zum Nachbarschaftsfest eingeladen wird, ist man im Dorf gesellschaftlich erledigt.
Zur Halloween-Tradition gehört, dass man furchtbar angezogenen Menschen an der Haustür Süßigkeiten aushändigt, was die Zeugen Jehovas und den Landtagskandidaten der SPD nicht einschließt, außer sie klingeln am 31. Oktober. Ich bereitete mich auf den Spuk vor, indem ich jede Menge süße Gummitiere, saure Kaugummis und Schokoriegel kaufte. Dann schnitzte ich mit Nick eine Kürbisfratze, die mich sehr an Peter Altmeier erinnerte. Ich fand sie hochgradig gruselig, musste aber beim Aufstellen gewärtigen, dass mein Nachbar und Feind Dattelmann nicht weniger als zwölf Kürbisse dekoriert hatte, sodass unser Haus aussah wie ein Imbisswagen neben einem McDonald’s mit Drive in und Spielplatz.
Trotzdem kamen Kinder und klingelten. Nick und ich rasten zur Tür, öffneten und vor uns standen ein Geist, ein Junge im schwarzen Trainingsanzug mit Totenkopfmaske sowie eine pummelige Ausgabe von Prinzessin Lilifee, was ich ja am gruseligsten fand. Lilifee habe leider kein anderes Kostüm und außerdem sei ihr Halloween eigentlich zu furchteinflößend. Nick verweigerte daraufhin die Herausgabe von Süßigkeiten, was den etwa achtjährigen Geist dazu veranlasste, unseren Sohn gegen das Schienbein zu treten. Schließlich erhielt jeder etwas und das Trio zog ab. Es begegnete einer Gruppe Zombies, die ein Bein nachzogen und hervorragende Keuchgeräusche machen. Wahrscheinlich funktioniert bei den Eltern die Kindersicherung von Netflix nicht richtig.
The Walking Dead verlangten nach Süßigkeiten, doch als ich sie mit den entsprechenden Waren beschenken wollte, reichte mir der Anführer einen Zettel, auf dem von Elternhand geschrieben stand, dass man ihnen bitteschön nur laktosefreie und nachhaltige Kost überreichen dürfe. Und ohne Gluten bitte. Ich holte Äpfel aus der Küche, aber die Zombies verzogen das Gesicht. Einer zeigte ihre Tüte, in der sich bereits fünf Kilo Äpfel befanden. Dann drehten sie um und verließen schlurfend und keuchend das Grundstück.
Die nächste Gruppe bat sich Bio-Produkte aus, nachfolgende Kinder lehnten die Gummifledermäuse ab, weil da Gelatine drin sei. Unter diesen Umständen macht Halloween noch weniger Spaß als ich angenommen hatte. Schließlich klingelte es an der Tür und davor standen vier Mütter, die zwar nicht verkleidet, aber dennoch ziemlich schockierend auftraten. Sie erklärten mir, dass sie an jeder Haustür überprüften, wer dort öffnete. Erst wenn sicher sei, dass keine Gefahr vom Gastgeber ausging und die Süßigkeiten aus der Region stammten, würden sie ihre Kinder vorlassen. Nachdem sie sich von meiner Harmlosigkeit überzeugt hatten, durften ihre Söhne und Töchter nach vorne, um die Geschenke einzusammeln. Sie machten einen eher unglücklichen Eindruck auf mich.
Halloween schien insgesamt eine ernste Angelegenheit zu sein, zumindest in den Familien unserer Umgebung . Doch dann klingelte es recht spät noch einmal. Draußen standen vier schräge Typen, die ich als Freunde von Carla erkannte. Damir, Maxi, Adrian und Felix sangen ziemlich schief das Lied von den „Ghostbusters“ und erbaten dafür je eine Flasche Bier, die sie anschließend bei uns in der Küche tranken. Es wurde viel gelacht und ich glaube, wenn wir das jedes Jahr so begehen, ist bei uns zuhause eine neue Tradition begründet.