Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Nutella-Lobbyist … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 21.11.2017

554_Bei Frau Moon

Frau Moon legt die Hände aneinander wie zum Gebet und verneigt sich. Ich stehe ihr gegenüber und mache dasselbe. Ich habe jetzt schon Respekt vor ihr, obwohl sie keine ein Meter sechzig groß ist. Aber ich bin vielen Damen ihrer Art begegnet und ahne schon, dass die Energie eines kleinen Blockheizkraftwerkes in ihr steckt. Sie wird gleich ein Massage-Brimborium an mir verrichten, wie es in ganz Rheinland-Pfalz sonst nicht erlebt werden kann. Oder in ganz Deutschland. Oder auf der ganzen Welt mit Ausnahme von Thailand, wo das in jedem besseren Haushalt ständig stattfindet.
Der Grund, warum ich bei Frau Moon bin, hat mit meinen Reisen zu tun. Ich merke nach einer gewissen Zeit immer, dass die mentale und körperliche Kraft schwindet. Dann verliere ich Sachen. In den vergangenen zwölf Jahren habe ich Unmengen von Ladekabeln, Zahnbürsten, Unterhosen sowie Notizblöcke, Mützen, Deos und Handschuhe in Hotels und Zügen liegen lassen. Überall in Deutschland sind Sachen von mir bunt verstreut, systemlos und vor allem nicht mehr auffindbar. Der Haufen vergrößert sich, je länger ich unterwegs bin.
Das andere Problem ist eher ein geistiges. Je länger ich mit hängenden Schultern und ratterndem Rollkoffer durch die Innenstädte und Fußgängerzonen und Bahnhöfe schlurfe, desto merkwürdiger werden meine Aufzeichnungen. In den Notizen, so ich sie nicht gleich im Zug vergesse, finden sich bei späterer Durchsicht seltsame Eintragungen, mit denen ich dann auch nur wenig anfangen kann. Zum Beispiel habe ich festgestellt, dass die Platten auf dem Bahnsteig in München-Pasing exakt Schuhgröße 42 haben. Wie ich. Die Platten in der Fußgängerzone in Freiburg auch. Die Platten am Bahnhof in Mainz haben hingegen Schuhgröße 46. Das führt zu nichts, genauso wie eine auf einer Zugfahrt notierte Überlegung zu dem Sänger Ed Sheeran, der meinen Aufzeichnungen zufolge in Wahrheit der mit einer Gummimaske verkleidete Chris de Burgh ist. Der unfertige Text widmete sich dann der Annahme, dass es sich bei Coldplay in Wahrheit um Barclay, James, Harvest handelt.
Direkt darunter befindet sich eine Skizze, die ich der Lufthansa zur Verfügung stellen wollte. Darin habe ich aufgemalt, wie sie ein gutes Drittel mehr Passagiere in ihre Flugzeuge bekommen könnten, indem die Fluggäste anders in die Maschine geschichtet würden. Man muss ja nicht in Flugrichtung sitzen. Stellen sie sich vor, sie säßen mit dem Rücken zum Fenster, auf einer Bank. Dann könnte man, wenn man auf Rückenlehnen verzichtete, links und rechts vom Gang jeweils mindestens fünf Passagiere auf die Bank schieben, ähnlich wie bei einem Schaschlik-Spieß. Die Skizze war hübsch, aber ich merkte dann doch, dass ich mal wieder zu Massage musste.
Das hat oft geholfen. In vielen Städten habe ich mich von Google Maps zu Massagepraxen leiten lassen. Häufig wirken sie wie Kulissen für Jackie-Chan-Filme. Die Verwendung von geschnitztem und mit Goldfarbe angemaltem Styropor, die Entspannungsmusik, die zahllosen Buddhas und Abbildungen von asiatischen Landschaften helfen jedoch kaum über den zweifelhaften Leumund hinweg, den das thailändische Massageinstitut in unserer Gesellschaft besitzt. Und zwar zu Unrecht. Ich bin noch nie von einer thailändischen Fachkraft sexuell belästigt worden. Bloß einmal fühlte ich mich unwohl. Das war in Münster. Dort warb ein Schild in der Fußgängerzone für die Dienste einer Dame, bei der ich klingelte, um gleich darauf in einer Privatwohnung zu stehen. Ihr deutscher Mann machte die Buchhaltung und die Behandlung fand im Schlafzimmer statt. Sie war aber dann tadellos.
Genau wie bei Frau Moon, die mich nach der Begrüßung bittet, eine sackartige Hose und ein T-Shirt anzuziehen. Danach dehnt sie mich wie Bugholz, schichtet sämtliche inneren Organe um, setzt den Kopf wieder richtigrum auf meine Schultern und verlängert mein Rückgrat um mindestens vier Zentimeter. Sie entlässt mich in den Mainzer Wind und ich gehe wie ein ganz neuer Mensch eine asiatische Suppe essen. Mache mir dabei Notizen. Was ich schreibe, gibt Anlass zu Hoffnung: Tengelmann und Edeka haben jeweils dieselben Vokale in der genau gleichen Reihenfolge. Darüber muss man unbedingt mal was machen.