Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Diätkenner … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 05.01.2018

559_Weihnachts-Litanei

Jedes Jahr dasselbe Theater. Was schenke ich bloß meinen Lieben? Die Frage, ob sie meine überbordene Großzügigkeit überhaupt verdient haben, darf man ja nicht stellen. Wenn die ganze Angelegenheit nach dem Belohnungs– oder dem Leistungsprinzip vergolten würde, käme ich sehr günstig davon. Dann nämlich dürfte eigentlich bei uns nur einer etwas bekommen, und zwar ich. Ich war brav, ich habe den Rasen gemäht und Gardinen aufgehängt.
Ich habe im Urlaub alle Koffer erst ins Auto getragen, dann ins Ferienhaus, dann wieder ins Auto und zuhause wieder bis in den Flur. Ich habe ohne zu murren Jugendliche zu Partys chauffiert und mir auf dem Weg krude Theorien zur Weltherrschaft der Reptiloiden angehört. Ich habe an Sonntagen Frühstück gemacht, an denen mir nicht nach Frühstück war. Ich habe mir eine ganze CD von Shindy angehört. Ich bin zwei Mal im Ballett gewesen und habe einen Abend mit den Yogafreundinnen meiner Frau verbracht, ohne in hysterische Lachkrämpfe auszubrechen, als Martina erzählte, dass sie nur dank der Beckenbodengymnastik auf einer Matte aus Zimt ihre Mitte gefunden habe. Ich hätte ein Geschenk mehr als verdient.
Umgekehrt sehe ich allerhand Verhaltensdefizite bei den Menschen, mit denen ich mein Heim teile. Soll ich wirklich einer Tochter etwas schenken, die mich auch in diesem Jahr wieder zur Verzweiflung gebracht hat? Ein Beispiel: Carla findet inzwischen die Kraft, einen Joghurtbecher vom Wohnzimmer bis in die Küche zu bringen. Rätselhafterweise landet der Becher jedoch nicht im Abfall, sondern samt Löffel auf der Anrichte, direkt oberhalb vom Mülleimer. Den letzten Schritt, oder wie es bei der Telekom heißt, die letzte Meile, legt der Becher nicht zurück. Nie. Absolut nie. Darauf angesprochen guckt meine Tochter mich mit betretener Miene an und sagt: „Papa. Es ist ein Joghurtbecher. Kein Erdbeben. Kein Krieg. Nur ein Joghurtbecher. Niemand stirbt. Es ist alles gut.“
Oder Nick. Soll das Altpapier rausbringen, aber er vergisst es. Ich stelle die Tüte mit dem Altpapier vor seine Zimmertür. Er steigt zwei Tage lang darüber. Ich stelle sie ihm vor die Haustür. Er räumt sie zur Seite. Ich stelle sie ihm beim Frühstück auf seinen Stuhl am Esstisch. Er wühlt darin herum und liest dann eine Werbeanzeige aus der „Chrismon“ vor. Darin steht, dass die deutsche Bibelgesellschaft „Die Bibel“ in drei neuen Ausgaben im Schmuckschuber für christliche 39 Euro anbietet. Erhältlich sind die Edition Margot Kässmann und die Edition Armin Müller-Stahl. Wirklich aufregend ist aber die Fassung Nummer drei, sie heißt Edition Jürgen Klopp. Nick sagt: „Die Edition Jürgen Klopp enthält ein ausklappbares Poster der Mannschaftsaufstellung vom letzten Abendmahl mit Jesus als Trainer und Judas als Rotsünder.“ Dann lacht er sich kaputt, denn das steht da gar nicht, dass hat er bloß erfunden. Aber die Klopp-Bibel gibt es tatsächlich. Er stopft das Magazin wieder in die Tüte und stellt diese neben den Tisch.
Später bringe ich sie ins Altpapier. Ich habe drei Tage lang gekämpft, was soll ich machen? Und das waren nur die Schlachten der vergangenen Woche. Waren sie brav? Selten. Wenn das Essen fertig ist, muss ich inzwischen den W-LAN-Router aus der Steckdose ziehen, damit sie überhaupt aus ihren Zimmern kommen. Auf die Frage, warum ich ihr etwas schenken sollte, entgegnete Carla, dass dies meine väterliche Pflicht sei und ich doch nicht wolle, dass sie vor Enttäuschung traumatisiert werde. Ich müsse eine Psychotherapie bezahlen und das sei viel kostspieliger als ihr Wunsch nach einem neuen Rechner. Damit hat sie vermutlich Recht.
Aber sie müssen bezahlen, indem sie sich an unsere Bescherungs-Tradition zu halten haben. Wir schicken sie heute Nachmittag auf einen Spaziergang. Wenn vor dem Haus eine Kerze brennt, dürfen sie zurückkommen. Ich öffne ihnen die Tür und erkläre, dass das Christkind da war, aber leider vor wenigen Sekunden wieder abgereist sei. Sie müssen ganz enttäuscht tun, weil sie das Christkind verpasst haben und danach etwas aufsagen oder vorspielen. Erst dann gibt es Geschenke. Das ist der Preis, den sie zu zahlen haben. Und ich bin jedes Mal so gerührt, dass mir Altpapier und Joghurtbecher und sämtliche Verfehlungen des Jahres vollkommen schnuppe sind. So funktioniert Weihnachten.