Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Nasszelle … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 06.01.2018

560_Das war 2017

Jahresrückblicke sollen uns suggerieren, dass bestimmte Ereignisse tatsächlich besonders wichtig und einschneidend und prägnant waren. Und zwar für uns Alle. Das ist aber gar nicht wahr. Sie sind immer nur für bestimmte Gruppen von Bedeutung und für Andere völlig wurscht. Da wir nun aber im Zeitalter der Globalisierung leben, soll das nicht mehr gelten. Eine Wahl in Alabama ist plötzlich auch in Rheinland-Pfalz ein heißes Eisen, weil in Alabama ein Demokrat gewonnen hat und kein Republikaner, was die Mehrheitsverhältnisse im amerikanischen Senat beeinflusst, was wiederum die Politik des amerikanischen Präsidenten verändern könnte, wodurch es wiederum vielleicht zu wirtschaftspolitischen Entscheidungen kommt, die im Nachgang die Beziehungen zu Europa gefährden oder zumindest auf den Prüfstand stellen könnten, was ganz am Ende den Preis für 100 Gramm Bierschinken in der Metzgerei Pütz in Beuren, Rheinland-Pfalz, dramatisch betreffen könnte.
So möchten das die Medien gerne haben und die Vorstellung, dass Alles irgendwie mit Allem zusammenhängt, die kann einen schon fertigmachen. Dabei stimmt das eben gar nicht und man darf sich das nicht einreden lassen. Am Ende hat jeder Mensch ganz eigene Highlights im Verlaufe eines Jahres und die wenigsten haben irgendwas mit Wahlen zum Bundestag oder in Alabama zu tun. Um dies zu belegen, habe ich in einer aufwändigen Recherche die Jahres-Höhepunkte von zwei völlig willkürlich aus der Gesellschaft gepickten Bundesbürgern notiert.
Hier sind die wichtigsten Ereignisse des Jahres im Leben von Carla, 19: Erstens: die Abiturzulassung, welche vor einigen Wochen erfolgte und eine völlig neue Perspektive auf das Leben ermöglicht hat. Es gibt nämlich offenbar eine Existenz außerhalb der Schule. Das hat sie bisher nicht angenommen und es verändert alles, insbesondere die Ferienplanung in Erwartung der Tatsache, dass ab Juni 2018 der Rest des Lebens aus Ferien besteht. Zweitens: Die Begegnung mit einem jungen Mann, der fantastisch Gitarre spielt, dabei sehr schön singt und nach Angaben meiner Tochter küsst wie ein Fohlen. Letzteres möchte ich mir nicht vorstellen müssen, aber gesagt ist gesagt. Das dritte wichtige Erlebnis von Carla bestand in einer nicht enden wollenden Erkältung von März bis Mai, während der sie so tat, als sei sie eine schwindsüchtige russische Dichterin des Existenzialismus. Dieses dritte wichtige Ereignis ist aber nicht ihr, sondern nur mir in Erinnerung geblieben. Sie kam bloß auf zwei prägende Vorkommnisse in diesem Jahr.
Damit unterscheidet sie sich stark von Nick, 15, der ungefähr drei Dutzend sehr wichtige Dinge erlebt hat, die er auch nicht in eine prioritäre Reihenfolge bringen kann. Bei ihm ist praktisch alles wichtig. Oder unwichtig. Und irgendwie beneide ich ihn darum. So richtig weltbewegend erscheint einem dabei nichts, bis man begriffen hat, dass es seine eigene Welt ist, die da bewegt wird. Am Ende habe ich drei Sachen ausgewählt, von denen er am ausführlichsten berichtet hat. Auf Platz drei in diesem Jahr: Das neue Rezept von Nutella, welches er aus tiefstem Herzen verabscheut. Nicht nur, dass die Schokopampe nun heller ist als vorher, sie ist auch süßer und verwechselbarer geworden. Für Nick eine Katastrophe, er denkt über einen Wechsel nach. Er fühlt sich vom Produkt nicht zurückgeliebt, schlimmer könnte der Verlust von Kundenbindung nicht wiegen, liebe Herstellerfirma.
Auf Platz zwei: Seine Begegnung mit dem Enderdrachen. Dazu kann man nicht viel sagen, außer dass der besiegte Drache ein Ei und Erfahrungskugeln im Wert von 12000 Erfahrungspunkten droppt, wodurch man theoretisch von Level 0 bis auf Level 68 gelangen kann. Das klingt aber jetzt wahrscheinlich langweiliger als es ist. Jahreshöhepunkt von Nick war ein gelungener Cab 270 to Frontside Boardslide to Regular. Es handelt sich dabei um einen Snowboard-Trick. Nick hat ihn soeben im Wohnzimmer vorgemacht und dabei den Christbaum umgeworfen. Ich würde fast sagen, das war mein Highlight des Jahres 2018. Gegen diesen Anblick kann die Bundestagswahl nichts ausrichten.