Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Personenvereinzelungsanlage … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 08.01.2018

561_Gedanken zum neuen Haar

Zum Jahreswechsel habe ich beschlossen, zukünftig keine Frisur mehr anzunehmen. Das bedeutet nicht, dass ich eine Glatze tragen will, weil sowieso alles keinen Sinn mehr hätte. Das Gegenteil ist der Fall. Kein Schiebedach, keine freie Parkfläche am Hinterkopf, bloß da und dort ein silbriges Hornfädlein, sonst ist mein Schädel sehr gleichmäßig mit gesundem und dichtem Haar bestückt. Das gilt auch für meine Ohren, aus denen drahtartige Antennen wuchern. Und ich bekomme langsam so walsereske Augenbrauen, deren Wachstum jedoch hart gezügelt wird. Jedenfalls habe ich keinen Mangel. Ich möchte trotzdem nicht mehr, dass mir meine Friseurin etwas auf den Kopf schmiert. Ich möchte keine Akzente mehr, keine Stufen, keine Farben, keinen Wet– oder Strand– oder Out-of-Bed-Look und keine neuen Ideen, geschweige denn Experimente. Nur Waschen und Schneiden bitte. Danke.
Ich erkenne diese Entscheidung als ein deutliches Zeichen meiner fortschreitenden Vergreisung an. Ich interessiere mich nämlich ganz einfach nicht mehr für Frisuren. Sie dienen der Individualisierung der Menschen und zum Anheben oder Absenken ihres sozialen Ansehens. Ich habe, zumindest was mein Hairstyling anging, mehrere Jahrzehnte lang gerne und ausführlich dabei mitgemacht. Ich habe rasiert und blondiert, gefärbt und alle möglichen und unmöglichen Dinge mit meinen Haaren angestellt. Das meiste war lustig oder sah gut aus. Oder Beides. Fand ich jedenfalls. Die Meinung meiner näheren Umgebung, besonders die meiner Eltern, war mir dabei ziemlich wumpe.
Doch nun habe ich die Lebensmitte überschritten und finde, Frisuren sind etwas für Menschen, die einem mit ihrem Aussehen etwas mitzuteilen haben. Und ich habe nichts mehr zu sagen, meine Haare sprechen nicht mehr. Es ist der erste Teil meines Körpers, der sich weise aufs Altenteil zurückzieht. Mit der Frisur rumzubrüllen ist ein eindeutiges Privileg der Jugend, die heute bis ungefähr Neunundvierzig dauert.
Früher riefen in diesem Zusammenhang Popstars am Lautesten, aber die haben mit der Digitalisierung weitgehend dieselbe global massentaugliche Gestalt angenommen und unterscheiden sich innerhalb eines Genres nicht mehr besonders voneinander. Viel bedeutsamer sind da seit vielen Jahren die Fußballspieler. David Beckham, dessen Mutter übrigens Friseuse war, setzte vor Jahren Maßstäbe mit einer Neuinterpretation des Irokesen, der bei ihm aussah wie eine fellige Haarwurst, aber von vielen Fans und Spielern imitiert wurde. Auch Cristiano Ronaldo lässt sich immer wieder mal was einfallen und zeigte zum Bespiel bei der letzten WM ein ins Haar rasiertes Zickzackmuster, mit dem er auf die Operationsnarbe eines vom unterstützten armen Kindes hinwies.
Legende ist auch der Rostocker Spieler Mike Werner, dessen Vokuhila eindrucksvoll und weltweit das Bild des modernen Deutschland nach der Wende prägte. Werner steht wie ein haariger Leuchtturm für das Bemühen der Deutschen, über die Frisur eine Friedensbotschaft in die Welt zu senden. Sie lautet: Wer solche Haare trägt, hat keine Zeit mehr für Kriege. Diese Botschaft übertrumpft die etwas gewollt aussehende Kommunardenmähne von Paul Breitner spielend. Breitners Frisur sah ja doch immer etwas nach Perücke aus. War aber keine, sonst hätte er sie bestimmt mal beim Spiel verloren und das hätte ein großes Hallo gegeben. Egal. Mein persönlicher Frisurenkönig ist für immer Carlos Valderama aus Kolumbien, der 1990 auf dem Kopf so etwas ähnliches wie einen Flokati-Teppich trug. David Luiz aus Brasilien hat diesen Stil zuletzt wieder in den Fokus gerückt und sah bei der letzten WM aus wie Sideshow Bob von den Simpsons.
Ich sehe das mit großem Vergnügen, aber ich bin raus. Für immer. Macht Ihr Euch die Haare, ich mache mir die Gedanken. Außerdem muss ich nicht sentimental werden. Die Frisurenfackel in der Familie brennt nämlich weiter. Und zwar lichterloh. Eben kam unser Sohn nach Hause. Er hat jetzt graue Haare. Und offenbar dachte er, dass es Ärger gibt. Ist aber nicht so. Ich finde, einer im Haus sollte die Kommunikation der Frisuren pflegen. Er hat den Staffelstab übernommen und ich wünsche ihm viel Spaß.