Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Wurstwasser … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 17.01.2018

562_Erziehungstipps

Die sanktionsfreie Erziehung hat sich flächendeckend durchgesetzt und das ist gut, weil Kinder so heute angstfrei aufwachsen können. Dennoch wünschen sich Eltern manchmal heimlich frühere Zeiten zurück. Da gab es noch Methoden, mit denen man Heranwachsende gefügig machen konnte: Backpfeife, Kerkerhaft, Liebesentzug, solche Sachen. Derartige Maßnahmen führten zwar langfristig dazu, dass die Eltern später in düstere Heime abgeschoben und niemals besucht wurden, aber auf kurze Sicht war dem rustikalen Erziehungsstil ein sehr ansehnlicher Erfolg beschieden: Die Jacken waren aufgehängt, die Zimmer sauber und die Zähne strahlten. Das muss man einfach konstatieren.
In den siebziger Jahren erfolgte das große pädagogische Umdenken und den Jungs und Mädchen wurde mancherorts gar nichts mehr vorgeschrieben. Alle waren dufte miteinander, niemand musste gar nichts und man guckte halt mal, was daraus wird. In meiner Schulzeit hatten es die antiautoritär erzogenen Kinder dann jedoch schwer, weil sie außerhalb ihrer Familien als totale Nervensägen galten. Niemand wollte zum Beispiel etwas mit Sven zu tun haben, weil dieser seinen Mitschülern gerne Buttermilch über den Kopf goss oder deren mühsam im Tausch erworbenen Bernard-und-Bianca-Sammelbildchen aufaß. Ich weiß nicht, was aus ihm geworden ist, aber wenn Sven sich heute in Gesellschaft noch so benimmt wie vor vierzig Jahren, wird er wahrscheinlich Schafhirt oder Kranführer sein.
Sara und ich gehören zu den Anhängern der weitverbreiteten „Irgendwie-klappt-das-schon-Erziehungsmethode“. Es wird freundlich um Einhaltung von Absprachen gebeten, es wird viel geredet und am Ende geseufzt. Strafen sind generell out. Und nun habe ich gelesen, dass man nicht einmal mehr damit drohen oder bis drei zählen darf. Dies postuliert die Pädagogin Katharina Saalfrank und das finde ich jetzt schon hart, denn die kunstvoll ausgestaltete Drohkulisse war mein vorletzter Trumpf in der Erziehung meiner Kinder. Wenn ich nicht einmal mehr drohen darf, bleibt mir nur noch das letzte Mittel der arglistigen Täuschung, um bei meinen Kindern die Einhaltung von Regeln und aufgeräumte Zimmer zu erzwingen.
Zum Beispiel habe ich jahrelang behauptet, die Rauchmelder in den Kinderzimmern seien Kameras, mit denen das Jugendamt nach frechen Gören suche. Es könne jederzeit sein, dass Carla und Nick abgeholt und nach Sibirien verkauft würden, wenn sie sich nicht benähmen. Leider haben sie mir das nie so Recht geglaubt, weil das Jugendamt nicht kam, egal wie sie sich verhielten. Ich habe auch versucht, ihnen weiszumachen, dass sich Zahnpasta im Waschbecken erst durch das Porzellan, dann durch den Fußboden und bis zum Erdmittelpunkt frisst und dass Kinder, die in dieses Loch fallen, für immer verschwinden. Es hat nicht dazu geführt, dass sie das Waschbecken säuberten. Aber die Geschichte fanden sie gut.
Ich dachte schon, es sei für mich erziehungsmäßig nichts mehr zu holen, doch dann entdeckte ich den W-LAN-Router als hervorragendes Werkzeug zur Disziplinierung meiner Kinder. Das Gerät ist lebenswichtig für Carla und Nick und dies eröffnet dem geneigten Hobby-Pädagogen zahlreiche Möglichkeiten des taktischen Einsatzes. Wenn ich wollte, dass sie aufhörten, im Internet zu surfen, zog ich einfach den Stecker und sie konnten nicht mehr surfen. Das war sehr wirksam, führte jedoch dazu, dass Sara und ich ebenfalls nicht mehr surfen konnten.
Inzwischen setze ich den Router-Exitus nur noch sehr dosiert ein und auch nicht mehr zur Maßregelung, sondern eher wie ein Essensglöckchen. Wenn ich möchte, dass sie zum Abendessen kommen, muss ich nur den Router abschalten– und simsalabim stehen die Beiden in der Küche. Dies ist mit der ins Zimmer posaunten Mitteilung, dass das Essen fertig sei, nicht in der selben Geschwindigkeit zu erreichen. Meinen größten Coup landete ich aber letzte Woche, als ich Carla erklärte, dass W-LAN-Strahlen grundsätzlich in Bodennähe ausgesendet würden. Wer High-Speed-Internet haben wolle, müsse nur sein Zimmer aufräumen, das Signal komme dann schneller durch. Keine zwanzig Minuten später war die Bude in einem Topzustand. Das nenne ich gewaltfreie moderne Erziehung.