Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Babbo … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 22.01.2018

563_Carla tobt

Oha. Bin schon wieder in ein Fettnäpfchen gelatscht. Oder, wie meine Tochter findet, mit Anlauf und Gebrüll reingesprungen. Was habe ich nun schon wieder angestellt? Aus meiner Warte eigentlich nichts. Ich habe lediglich über Carlas Freundin Lea gesagt, dass sie sich sehr gut entwickelt habe. Und das fand Carla un-er-hört. Im Rahmen ihrer Me-Too-Empörung hält sie ihren Vater jetzt für einen perversen Strolch. Eigentlich sogar für einen Doppelstrolch. Denn erstens seien Beurteilungen von jungen Damen durch mittelalte Säcke an sich schon eine Zumutung und zweitens umso schlimmer, wenn sie von ihrem eigenen Vater stammten.
Carla führte aus, dass ich einer jener outgedateten Macker sei, die sich gönnerhaft über Frauen stellten und es wagten, im Jahre 2018 das Aussehen eines Mädchens zu beurteilen wie auf einem Basar, als sei die Frau ein Kamel mit geglücktem Zahnstand. Ich fühlte mich schon ziemlich weinsteinesk, auch wenn es zwischen dem brünstigen Filmproduzenten und mir einen Unterschied gibt, auf den ich Wert lege, nämlich: Der hat was gemacht. Und ich nicht. Aber das half mir auch nicht weiter. Carla fuhr fort, dass meine Äußerung das Scheußlichste sei, was sie in den vergangenen zehn Jahren gehört habe. Und dass ihr Vater sich im Gegensatz zu Lea gar nicht, jedenfalls nicht zum Besseren gewandelt habe.
Das ist vielleicht nicht ganz verkehrt, aber meine zaghaften Versuche, auch mal zu Wort zu kommen, wischte sie mit der Bemerkung beiseite, wir Männer hätten genug geredet, nun seien die Frauen dran. Dem habe ich wenig entgegenzusetzen, selbst wenn ich die eine oder andere ihrer Wortmeldungen zu diversen Gerechtigkeitsdebatten ein wenig abstrus finde, zum Beispiel wenn Carla verkündet, dass man in ihrer Gegenwart das Wort Mannschaft für Frauenteams nicht mehr verwenden dürfe. Und sie fordert die dritte Toilette fürs dritte Geschlecht in allen öffentlichen Gebäuden. Unser Land hat etwa 11000 Gemeinden mit sicher mehr als 100 000 Gebäuden und darin wahrscheinlich mehr als einer halben Million Toiletten, welche umzurüsten womöglich zwei Milliarden Euro kosten könnte, die am Ende für andere wichtige Aufgaben fehlen würden. Und das für Toiletten, die in Orten wie Berlin hier und da, in Schwalmtal, Oberursel oder Vaterstetten hingegen niemals besucht und über kurz oder lang als Abstellraum genutzt würden. Ich höre den Bund der Steuerzahler aufbrüllen. Der blöde Bund der Steuerspießer könne ihr mal den Schuh aufblasen, sagte Carla am Ende der Debatte.
Sie erinnert mich mit ihrem empörten Aktionismus ein wenig an den Fußballer Marcel Schmelzer, der letzthin im Rahmen eines Interviews erklärt hat, man müsse kleine Störfeuer sofort löschen, damit kein Flächenbrand entstehen könne. Diese Äußerung hat mir sehr gut gefallen, weil sie zwei Bilder miteinander collagiert, die gar nichts miteinander zu tun haben. Unter einem Störfeuer versteht man einen Artilleriebeschuss, der dazu dient, die feindlichen Stellungen zu irritieren. Aber egal, wie heftig so ein Störfeuer auch an den Nerven zerrt, es wird nie einen Flächenbrand entfachen.
Carla möchte jedenfalls den Flächenbrand des Chauvinismus dadurch eindämmen, dass sie störfeuermäßig lospoltert, wenn auch nur der leiseste Verdacht aufkommt, dass jemand etwas gesagt oder auch nur gedacht hat, was gegen die Etikette verstößt. Wobei ich diesen Ansatz zunächst einmal gut finde. Natürlich muss sich etwas ändern. Es ist ja kein Naturgesetz, dass Frauen sich in Gesellschaft von Männern immer noch häufig unwohl fühlen.
Doch man muss auch nicht übertreiben. So wie Carla. Ich kam ja gar nicht dazu, es zu sagen. Aber tatsächlich bezog sich meine Äußerung über Leas positive Entwicklung nicht auf ihr Äußeres, sondern auf innere Werte. Bis letztes Jahr hielt Lea Cem Özdemir noch für eine Eissorte und das Saarland verortete sie irgendwo bei Island und Irland. Als sie neulich bei uns zu Besuch war, erklärte sie, dass sie bei Rewe ein sehr gutes Sondierungsangebot für ihren Lieblingsjoghurt gesehen habe. Und da fand ich eben, dass sie sich gut entwickelt habe, weil sie jetzt auch Fremdwörter in ihr wasserfallhaftes Geplapper einbaut. Es war nett gemeint. Wirklich. Und es hatte nichts, aber rein gar nichts mit Äußerlichkeiten zu tun. Ich schwöre. Aber das interessiert ja hier keinen.