Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Babbo … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 31.01.2018

564_Neue Lösungsansätze

Was sich in den letzten Jahren stark verändert hat, sind die Themen, über die meine Frau mit ihren Freundinnen spricht. Das weiß ich deshalb, weil ich als Weinschenk oder Heimlich-Am-Esstisch-Vorbeiläufer so Manches aufschnappe, wenn sie mit Geschlechtsgenossinnen die Main-Topics des Lebens erörtert. Früher ging es dabei durchaus auch um ihre Ehe-Männer, doch die spielen im Leben einer Mutter irgendwann nicht mehr die größte Rolle. Man muss es einfach mal so sagen. Viel wichtiger sind die zahllosen Challenges, die sich ergeben, wenn man Kinder im Alter zwischen 14 und 19 Jahren besitzt. Während früher mögliche Lösungen bei Erziehungsproblemen noch eng an der einschlägigen Ratgeberliteratur entlang und strikt zum Wohle des Nachwuchses diskutiert wurden, hat sich jedoch mit der Zeit bei den Damen ein pragmatischer und häufig recht radikaler Ansatz eingeschlichen.
Letzte Woche machte ich mich unsichtbar und hörte der Dreier-Runde zu. Sara, Martina und Ulla saßen katzbuckelig am Küchentisch, knabberten Grissini, tranken Weißwein und schilderten die nervtötendsten Eigenschaften ihrer Brut, um dann zu erörtern, wie die dadurch ausgelöste Unbill am besten aus dem Weg zu schaffen wäre. Die Industrie könnte dabei mithelfen. Martina schlug ein Patent für Schuhe vor, damit diese nicht immer im Weg herumliegen. Tatsächlich gehen jährlich schätzungsweise 34000 häusliche Unfälle darauf zurück, dass Eltern über Schuhe fallen, die von ihren Kindern auf dem Weg in deren Zimmer abgestreift werden. Martina schlug die Konstruktion von Sneakers vor, die in eine Halterung gestellt werden müssen, weil sie sonst automatisch immer schwerer werden. Schon nach wenigen Tagen stellen sie ein erhebliches Zuggewicht am Fuß dar und können nach acht Tagen bis zu jeweils 23 Kilo schwer werden, wenn sie nicht in ihrer Halterung liegen. Die Folge: Stets aufgeräumte Schuhe, keine Sturzgefahr mehr.
Sara plädierte für Handys mit Löchern, durch die man Stahlseile ziehen kann, um die Telefone verlässlich vor unerlaubter Mitnahme zu schützen. Und Kühlschranktüren, die für Nachtmahlzeiten nicht zu öffnen sind sowie Pizza, die ab 21 Uhr nach Katzenstreu mit Knoblauch und Sellerie schmeckt. Zudem fand sie, man könnte Chipstüten gegen unbefugten Genuss unter Strom setzen und die Pubertiere ganz grundsätzlich mit fünfzehn Jahren jener Gehirnwäsche aussetzen, die in dem Roman Uhrwerk Orange noch „Ludovico-Technik“ genannt wurde. Anschließend wird ihnen nicht nach dem Genuss von Wodka und Energy-Drinks übel, sondern schon vorher, wenn sie nur daran denken.
Diese Methoden finden bei Pädagogen womöglich nur geringen Anklang. Sie sind grob und rüde und doch verständlich, wenn man einmal bedenkt, wieviel Erbrochenes sich im Leben einer Mutter von feiernden Kindern ansammelt. Ulla ergänzte das Patente-Portfolio um neuartiges Geschirr mit eingebautem Schmutzsensor. Wenn es sich länger als zwei Stunden in einem Pubertierkäfig befindet, wird ein unerträglicher Alarm ausgelöst, welcher erst verstummt, wenn Spüli auf die Oberfläche eines Tellers trifft.
Falls dies alles bei der Erziehung nicht weiterhilft, hat Ulla eine weitere spektakuläre Idee, die sämtliche Probleme dauerhaft löst und ähnlich funktioniert wie eine Babyklappe. Während die Auffangbehälter für Säuglinge jedoch an Krankenhäusern angebracht werden, führt die Pubertier-Klappe unmittelbar: ins Nichts. Laut Ulla braucht man nur einen guten Vorwand und die Jugendlichen legen sich freiwillig hinein. Man könnte zum Beispiel ankündigen, dass sich hinter der Klappe ein Showroom mit limitierten Sneakers verbirgt. Oder eine Bar mit kostenlosen Getränken, die noch nie jemand vorher probiert hat. Oder der größte Playsi-Screen des Universums mit allen Spielen, die es gibt. Die Pubertiere nähmen sofort in der Klappe Platz. Man drückte auf einen Knopf und sie verschwänden.
Die Frauen waren von dieser Erfindung begeistert. Ich fürchte bloß, sie haben dieses Konzept nicht richtig durchdacht. Denn es ist ja so: Eine Viertelstunde später würden wir uns selber in diese Klappe legen, um unsere Kinder wieder zurück zu holen. Denn ohne sie wäre das Leben nichts. Es wäre zwar leiser, aber entschieden zu still.