Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Schmutzschleuse … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 13.02.2018

565_Wir sind alle Spießer

Gerade wurde ich damit konfrontiert ein Spießer zu sein. Das ist ein herber Anwurf, immerhin war ich immer fanatisch gegen das Spießertum eingestellt. Und alles nur, weil ich als Haushaltsvorstand darauf hingewiesen habe, dass man einen leeren Puddingbecher ohne Gesichtsverlust vom Fernseher zum Mülleimer tragen und dort entsorgen kann. Wobei ich zugegebenermaßen auch gleich noch die Segnungen der Mülltrennung pries. Gut. Aber macht mich das schon zum Spießer? In den Augen meines Sohnes auf jeden Fall. Und da stellt sich die Frage: Hat er Recht?
Früher waren solche Einordnungen sehr einfach. Da gab es noch gesellschaftliche Lager, in die man sich und andere mühelos einsortieren konnte. Wer gerne James Last hörte, war eindeutig spießig, wer eher auf Reggae stand, wahrscheinlich nicht. Menschen mit einer Vorliebe fürs Gärtnern in kleineren Parzellen betrachtete man als Oberspießer und Opelfahrer sowieso. Heute ist das nicht mehr so simpel. Beispiel Garten: Ich sehe häufiger Fotos von bärtigen und tätowierten Berlinern, die sich hingebungsvoll der Hege von Radieschen und Bärlauch widmen. Das nennt man urban gardening, es liegt offensichtlich im Trend und wer darüber lacht, hat die Welt nicht verstanden. Oder James Last. Vormals der Trash-König geschmackloser Plattensammlungen hat man ihn längst als feinen Arrangeur, fantastischen Jazzmusiker und musikalisches Unternehmergenie rehabilitiert. Am Ende spielte er als hervorragender Künstler einfach Musik für die Massen, was man damals in Kennerkreisen verabscheuungswürdig fand. Heute gilt gerade das als große Kunst.
Auch bei den Parteien sind die Zuschreibungen meistenteils nicht mehr so einfach, die Definitionsgrenzen verschwimmen. Die FDP ist zum Beispiel zwar nicht sympathisch, aber auch nicht spießig, denn dafür fehlt ihr die Bindung zum so genannten kleinen Mann; wohingegen ich die Gratismentalität in Bezug auf das Urheberrecht bei den vermeintlich progressiven Piraten immer extrem laubenpieperhaft fand. Dasselbe gilt nach wie vor für die SPD mit ihrer ulkigen Zwangsduzerei und auch für die CSU, deren unerhörte Seppelhaftigkeit durch niemanden so sehr verkörpert wird wie durch Alexander Dobrindt, der eine konservative Revolution propagiert, die mir total unmodern und gartenzwergesk vorkommt. Apropos: Die Verzwergung des Geistes ins ultraspießige gelingt keiner Partei besser als der AfD. Am Ende ihres kurzen Wunschzettels steht ein national orientierter, also lediglich auf sich selbst zurückgreifender Staat, der nur für einen kleinen Kern von Einwohnern existiert und keine Bindung an die Wirklichkeit besitzt. Im Grunde propagiert die AfD eine Art Schlumpfhausen. Und gibt es etwas Spießigeres als die Schlümpfe?
Am anderen Ende des Spektrums befinden sich die Grünen, denen ebenfalls etwas latent Spießiges anhaftet, was viel mit der moralischen Überlegenheit zu tun hat, mit der sich die Partei brüstet. Womit wir wieder bei mir und meiner Leidenschaft zum Mülltrennen sind. Diese ist jungen rebellischen Menschen schwer vermittelbar. Besonders meinem Sohn. Also, von mir aus gebe ich zu, dass ich spießig bin. Jedenfalls in dieser Hinsicht. Na und? Jeder ist offensichtlich spießig, auf irgendeine Weise. Und diese Beurteilung ist vielleicht nur eine Frage des Alters und der Perspektive.
In diesem Zusammenhang muss noch auf das wunderbare Wirken der Annemarie Passlack hingewiesen werden, die in unserer Kleinstadt lebte und jeden Samstag ihren Vorgarten pflegte. Und wenn sie damit fertig war, widmete sie sich noch der Telefonzelle, die vor ihrem Haus stand. Sie putzte die Fenster und den Boden, danach den Hörer und das Münztelefon. Sie wischte die Ablage ab und kontrollierte das Telefonbuch. Himmel, was haben wir gelacht damals über die olle Passlack. Heute beurteile ich ihre Tätigkeit milder, geradezu wohlwollend und voller Wärme. Ich finde nämlich, die Dame besaß einen ungewöhnlichen Gemeinsinn. Sie kümmerte sich, obwohl sie die Telefonzelle selbst nie benutzte. Das ist doch eigentlich beispielhaft und schön. Und schön wäre auch, wenn mein Sohn wenigstens seine verdammten Puddingbecher aufräumen würde. Ist doch nicht zu viel verlangt, oder?