Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Kinokartenverlierer … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 19.02.2018

567_Die Straßenschlacht

Natürlich, man kann gegen Dattelmann Einiges einwenden. Er ist Elternsprecher an der Schule, dazu unser Nachbar und außerdem kann er praktisch alles. Es ist die Hölle, ihm bei seinem perfekten Leben zu zusehen. Dattelmann hat die geradesten und am gesündesten aussehenden Haare und Zähne der Welt. Falls es einen gutgelaunten Alptraum gibt, dann ist er der Hauptdarsteller. Ulrich Dattelmann ist prinzipiell das perfekte Lebewesen. Er geht mir damit seit Jahren höllisch auf den Zeiger. Aber jetzt ist er weg. Einfach verschwunden. Und das ist schon seltsam.
Die Sache fing mit einem Streit an. Dattelmann fetzte sich mit Bartsch. Das ist der Nachbar rechts von Dattelmann. Bartsch hisst dauernd irgendwelche Fahnen. Als Deutschland damals 2006 gegen Italien ausschied, ordnete er Trauerbeflaggung an und seine Deutschlandfahne wehte drei Wochen lang auf Halbmast. Bartsch ist gegen Hunde in der Nachbarschaft. Und gegen Kinder. Und gegen Wohnmobile. Jedenfalls gegen das von Dattelmann.
Dattelmann hat es sich vor ein paar Wochen zugelegt und ich hoffte sofort, dass er damit sehr weite, sehr lange Reisen unternimmt. Vielleicht gefällt es ihm sehr weit weg ja dann so gut, dass er für immer dortbleibt. Egal. Er kaufte sich also dieses riesige Wohndings mit Dachterrasse, Satelliten-Anlage und schwarzen Scheiben und stellte es in seine Einfahrt. Doch es ragte auf den Gehweg, worauf Nachbar Bartsch absichtlich mit seinem Rollator dagegen prallte. Das verursachte einen Kratzer im Lack – und beim Wohnmobil eine kleine Delle. Bartsch wollte aber nicht dafür zahlen und berief sich auf seine Sehschwäche, derzufolge er nicht habe erkennen können, dass ihm ein Panzer mitten im Weg stand.
Dattelmann sah ein, dass er sein Wohnmobil so nicht parken konnte und stellte es auf die Straße. Allerdings nicht vor sein Haus, weil er dabei gleichzeitig seine und unsere Auffahrt versperrt hätte, sondern direkt vor das Haus von Familie Bartsch. Das wollte Bartsch sich aber nicht gefallen lassen. Er ging zu Dattelmann und forderte ihn auf, das Wohnmobil umzuparken. Er sagte, er fühle sich als wohne er direkt vor der Berliner Mauer. Diese versperre ihm nicht nur den Blick auf die Straße, sondern verschatte auch das ganze Erdgeschoss. Aber Dattelmann erklärte nur lapidar, es handele sich um eine öffentlich beparkbare Fläche und wenn dort mal jemand mit einem größeren PKW stehe, sei dies ein Lebensrisiko, das man in einem Wohngebiet einfach mal akzeptieren müsse. Und er wundere sich, dass Bartsch das Wohnmobil trotz seiner schlechten Augen überhaupt bemerke. Zum Trost fügte Dattelmann hinzu, dass er vorhabe, ungefähr ab Mai eine längere Fahrt zu unternehmen. Bis dahin bliebe das Fahrzeug selbstverständlich, wo es sei.
Drei Tage später hatte jemand das Wohnmobil heftig verschmutzt. Dattelmann bezichtigte Bartsch, sein rollendes Eigenheim mit Eiern, Ketchup und Mayonnaise eingesaut zu haben, dann setzte er sich in sein Campingmonster und fuhr in den Ort, um es zu säubern. Schließlich hat er es nicht gekauft, damit es dreckig irgendwo rumsteht und seinem Ruf als Saubermann der Nachbarschaft schadet. Dattelmann war noch nicht ganz um die Ecke gebogen, da spritzte Bartsch aus dem Haus, lief völlig ohne Rollator um die nächste Straßenecke und kam bald darauf in einem alten VW-Polo zurück. Diesen parkte er sorgsam vor seinem Eigenheim. Und zwar genau so, dass das Dattelmannsche Wohnmobil nicht mehr daneben passte. Bartsch stieg aus und erklärte mir, er habe diesen Polo für dreihundert Euro erstanden, und zwar nur, um ihn auf dieser öffentlichen Fläche zu parken. Vor so viel Umsicht habe ich großen Respekt und ich hätte Dattelmann auch gerne damit aufgezogen. Aber das geht leider nicht. Zwar kam Dattelmann nach einer Stunde zurück und hupte und schrie und forderte Bartsch auf, die kleine Scheißkarre wegzufahren. Aber dieser lachte nur und hisste eine Fahne des ADAC. Da gab Dattelmann Gas und fuhr davon.
Wir wissen nicht, ob er nun seit drei Wochen einen Parkplatz sucht oder doch eine längere Reise absolviert. Dattelmann, wenn Du dies hier liest, melde Dich doch mal. Wir machen uns schon ein bisschen Sorgen.