Jan Weiler: Autor, Kolumnist, EU-Kommissar … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 26.02.2018

568_Die deutsche Invasion

Mein Schwager Jürgen ist Ingenieur, Esoteriker, Verschwörungstheoretiker, Yogi und militanter Anhänger einer nachhaltigen und veganen Lebensweise. Er gehört zu einem zwar kleinen, aber über jedes normale Maß von sich überzeugten und dogmatischen Menschenschlag. Jürgen möchte, dass niemand mehr Tiere isst. Immerhin hat er eingesehen, dass es als Anreiz dafür schmackhafte Alternativen geben sollte und versucht sich seit Jahren an der Herstellung von Ersatzwurst. Er tüftelt an Fake-Schinken und Salami-Surrogat. Seine Hervorbringungen schmecken allerdings wie Arsch und Friedrich und kein bisschen nach ihren Vorlagen. Kein Wunder: Jürgen hat noch nie Leberwurst, gekochten Schinken oder eine gute Fenchelsalami probiert und was man nicht kennt, kann man schlecht imitieren.
Als er mir neulich einen wirklich scheußlichen, aus fermentierter Baumrinde, Sojamehl und Rote-Bete-Saft zubereiteten Tafelspitz servierte, schlug ich ihm vor, es doch so zu machen wie die Chinesen. Diese kaufen sich deutsche PKW, zerlegen diese und lernen von den Einzelteilen, die sie dann nachbauen und schließlich so zusammensetzen, dass das Ergebnis zumindest aussieht wie ein Auto. Ich schlug ihm vor, für die Konstruktion von Tafelspitz folgende Zutaten zu verwenden: Suppengemüse, Zwiebeln, Liebstöckl, Mehl, Meerettich, Kartoffeln, Sellerie, Möhren, Porree, Salz, Pfeffer, Schnittlauch. Bis zu diesem Punkt der Aufzählung nickte Jürgen. Ich fügte hinzu: „Gut., Und natürlich Butter, Sahne und ein gutes Kilo schönen Kalbsschwanz, vulgo Tafelspitz. Du bekommst einen Tafelspitz ganz sicher am besten hin, wenn Du Tafelspitz dafür verwendest.“
Das wollte Jürgen nicht einsehen. Aber in Genussfragen ist es ohnehin schwer, mit ihm zu diskutieren. Er frühstückt Triphala-Pulver mit Manuka-Honig. Diese Kombination soll das Darmfeuer anregen, schmeckt aber wie Vogelsand mit Lebertran und Lebkuchengewürz. Jedenfalls ist es schwer, mit Jürgen übers Essen zu reden. Das ist ein hochgradig sensibles Thema. Auch politisch. Letzte Woche wohnte ich einer Diskussion zwischen Jürgen und seiner Frau Lorella bei. Sie erwägt die Anschaffung eines Bienenvolkes für das Haus, dass sie sich in Italien mit einigen Gleichgesinnten teilen. Sie könnten die Bienen einfach so herumschwirren lassen oder Honig für die Hausbewohner produzieren lassen.
Jürgen war dagegen. Und zwar aus mehreren Gründen. Erstens, so führte er aus, wolle er keine einzige Biene in Knechtschaft halten, um ihr dann den Honig zu rauben, den sie in fröhlicher Produktivität ja keineswegs für ihn, sondern für ihr Bienenkollektiv gesammelt habe. Und zweitens sei es ja gar nicht gesagt, dass man ein deutsches Volk einfach so umsiedeln könne. Es könne ja sein, dass die italienischen Völker in der Nachbarschaft nicht gut darauf reagierten, wenn da plötzlich ein buchstäblich bienenfleißiges deutsches Volk wohnte und ihnen die Laune verdürbe.
Da hat er Recht: Was ist, wenn das deutsche Volk diszipliniert auch zwischen 12 Uhr und 16 Uhr arbeitet, während der Italiener Mittagspause oder Liebe macht. Was ist, wenn die deutsche Honigbiene sich in der italienischen Flora nicht zurechtfindet? Dann müssen anschließend noch Löwenzahn und Erika und Primeln gepflanzt werden. „Der deutschen Biene keine Extrawurst“ sehe ich jetzt schon auf den Protestplakaten italienischer Bienen stehen. Das führt zum Hauptproblem: Was ist, wenn das deutsche Volk sich in der Fremde nicht an die dortigen Gepflogenheiten und Regeln hält und dann von der einheimischen Biene nicht gemocht wird. Wird die deutsche Biene dann ausgewiesen? Erhält sie eine Residenzpflicht, die ihr vorschreibt, lediglich auf dem eigenen Grundstück zu fliegen? Und was geschieht, wenn sich deutsche Bienengene mit italienischem Erbgut vermischen? Wenn also quasi eine pan-europäische Honigbiene entsteht, Rassendurchmischung im Bienenstaat, mit Bienen, die sagenhaft schön aussehen und gleichzeitig jeden Tag effizient ihrem Job nachgehen, bis die Tagesschau kommt!?
Eigentlich ja eine zauberhafte Vorstellung. Jürgen denkt deshalb jetzt über eine deutsche Bieneninvasion in der Toskana nach. Meinen Segen hat er.