Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Personenvereinzelungsanlage … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 26.03.2018

569_Das Mango-Prinzip

Man soll nicht so viel meckern und stattdessen lieber konstruktiv sein. Oft hilft es, die Dinge einfach neu zu deuten, dann stören sie einen nicht mehr so. Ein Beispiel: Natürlich kann man sich über das Mango-Angebot bei REWE ärgern. Hart wie Kartoffeln, ohne jedes Aroma und selbst nach einwöchiger Nachreifung ungenießbar. Das könnte ein Grund für Gram sein, es sei denn, man wertet das Produkt einfach um und denkt sich: Eigentlich werden die Mangos lediglich in der verkehrten Warengruppe einsortiert und an falscher Stelle angeboten. Wenn man sie als Baustoffe oder noch besser als Einbruchswerkzeuge am entsprechenden Ort im Supermarkt anbieten würde, käme kein Ärger auf, sondern totale Zufriedenheit. Ganz ähnlich ist das auch mit dem ZDF. Das ist nämlich in Wahrheit gar kein Fernsehsender.
Diesem Irrtum saß zuletzt der Schlagersänger Tony Marshall auf. Der hat gerade behauptet, das Fernsehen biete nur noch Programm für junge Leute. ARD und ZDF sendeten konsequent an den Alten vorbei, hat er gesagt. Als ich das gelesen habe, musste ich mich sehr wundern, denn für mich stellt es sich so dar, dass insbesondere die öffentlich-rechtlichen Sender ausschließlich für alte Menschen senden. Es werden dort weder besonders viele Blockbuster ausgestrahlt, noch ein Programm, das sich intensiv um junge Menschen bemühen würde. Interessante Serien gibt es bei Netflix, Musik bei Youtube, dem einzigen öffentlichen Ort, wo junge Menschen ausführlich zu Wort kommen. In den Öffentlich-Rechtlichen hingegen sind die Jungen entweder als keusche Pferdepfleger zu sehen oder in kurzen Hosen bei Sportübertragungen.
Besonders das ZDF sendet altersstarrsinnig dem eigenen Exitus entgegen. Im Moment beträgt das Durchschnittsalter des ZDF-Guckers 63 Jahre. Und den kann Herbert Anton Bloeth, wie Tony Marshall mit richtigem Namen heißt, ja eigentlich nicht gemeint haben, als er von den bevorzugten jüngeren Zuschauern sprach. Für die Rentner gibt es kein Programm? Hallo, Herr Marshall, dann sehen wir mal, was das ZDF am Sonntag so sendet. Morgens um neun kommt etwas über Probleme bei der häuslichen Pflege. Zum Glück folgt danach Horst-Muschibesen-Lichter und senkt den Blutdruck sämtlicher Zuschauerinnen und Zuschauer ins mumienhafte, wenn er bei „Bares für Rares“ seine Händlerkarten verteilt. Das macht er stundenlang, dann kommt eine Sendung, in der geguckt wird, ob man alte Dinge noch reparieren kann. In der ZDF-Pressemitteilung heißt es dazu in alarmierendem Tremolo: „Ist Opas Taschenuhr ein hoffnungsloser Fall?“ Oh Gott, welche Spannung.
Diese wird durch die Ausstrahlung des Films „Eine zauberhafte Nanny“ dramatisch verstärkt. Nach dem Mittagsschläfchen sendet man Sport und um 20:15 den TV-Film „Sommer auf Mallorca“, in dem es um eine Frau zwischen zwei Männern geht. Vicky Körner muss sich entscheiden zwischen dem Restaurantbesitzer Nico und dem Meeresbiologen Javier. Wer darüber einnickt und später wieder aufwacht, kann noch eine Doku über Walter Ulbricht ansehen, den kennen viele aus der Zielgruppe noch von früher.
Programm für jüngere Menschen findet praktisch nicht statt, es sei denn, man sortiert die „Heute Show“ darunter ein. Moderator Oliver Welke ist schließlich erst 51. Der einzige wirklich junge Moderator, der mir beim ZDF einfällt, ist Jo Schück bei „Aspekte“. Allerdings wirkt er immer leicht desorientiert, so als habe er sich gerade in der Umkleidekabine eines Geschäftes verlaufen, in dem es nur ganz kleine Jacken gibt.
Egal. Für mich gibt es dort jedenfalls so gut wie nichts zu sehen, und meine Kinder haben sich komplett vom Fernsehen abgewandt. Sie werden nicht mehr freiwillig dafür bezahlen, wenn es in wenigen Jahren von ihnen verlangt wird. Sie sehen es einfach nicht ein. Es sei denn, man definiert das ZDF nach dem Mango-Prinzip einfach um. Es ist also im Prinzip gar kein Fernsehsender, sondern ein staatliches Beruhigungsmittel, mit dem Senioren von der gewaltsamen Revolution abgehalten werden sollen. Dafür zahle ich natürlich gerne, auch wenn die Wirkung offenbar nicht bei allen Rentnern eintritt. Man sollte Tony Marshall vielleicht mit einer Extradosis Carmen Nebel behandeln.