Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Bahn-Opfer … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 19.04.2018

570_Männerwochenende

Die Einladung kommt per Telefon und sie ereilt mich, als Sara mich gerade fragt, ob wir am Wochenende Mal ein bisschen wegfahren möchten. Bevor ich antworten kann, schlurft Nick mit dem Telefon in der Hand aus seinem Zimmer und erklärt mir, da sein ein perverser Typ dran, der ihn gefragt habe, ob sie gemeinsam ein Männerwochenende machen wollten. Nick sagt nie seinen Namen, wenn er ans Telefon geht. Er wird mit mir verwechselt. Und der perverse Typ ist mein alter Freund Ralf. Er möchte nicht mit Nick, sondern mit mir ein Männerwochenende verbringen.
Alleine das Wort löst in mir Panik aus. Wie Herrengedenk und Junggesellenabschied. Begriffe, mit denen ich die völlige Düsternis männlicher Existenz verbinde. Männerrudel in Zugabteilen gehören zu dem Unangenehmsten, was man sich – abseits von entzündlichen Furunkeln an sichtbaren Stellen -vorstellen kann. Wobei einen eine Fünfergruppe aus enthemmten Damen, die in Motto-T-Shirts von Mannheim bis München Prosecco und Wurstbrote vertilgen, auch in den Wahnsinn treiben kann. Aber Frauen sind wenigstens lustig. Entsprechende Männerhaufen sind nie lustig, sondern dröhnende Abgasschleudern.
Ralf erklärt mir nun am Telefon, dass er überlegt habe, man müsse mal nach Hamburg. Und ob ich mitwolle. Er zählt vier Begleiter auf, von denen ich einen kenne. Die anderen Drei sind Kollegen von ihm, nette Jungs, wie er sagt. Ich würde sehr gut dazu passen. Da habe ich meine Zweifel. Ralf und ich haben uns vor sechs Jahren zum letzten Mal gesehen. Und da hatte ich schon den Eindruck, dass mir schnell die Geschichten ausgingen. Was will man auch mit jemandem besprechen, dessen Hauptthema eine Programmiersprache und dessen größte Leidenschaft der Besuch der Cebit ist.
Außerdem: Was soll ich denn in Hamburg? Diese Frage beantwortet Ralf mit einer Aufzählung sämtlicher Verlockungen, die die Hansestadt zu bieten hat: Sankt Pauli, Reeperbahn, Dom. Er sagt todernst, dass man ja auch zum Fußball gehen könne. Der HSV habe ein Heimspiel. Das ist natürlich ein sehr attraktives Angebot und ich sage Ralf, dass ich es mit meiner Frau besprechen müsse und zurückrufe. Im Geiste habe ich meine Absage bereits im Kopf fertig formuliert. Ich werde sie auf Sara schieben.
Nach dem Gespräch berichte ich Sara von Ralfs Plänen – und sie ist hellauf begeistert. Aber sowas von begeistert. In Wahrheit will sie bloß Fotos sehen, wie ich in einem Zugabteil mit vollkommen fremden IT-Spezialisten aus Dachau Dosenbier trinke. Und Bilder, wie ich desillusioniert durch Hamburg stolpere, eingezwängt in einem Heer von beigefarbenen Touristen aus dem Ruhrgebiet. Sara sagt: „Fahr Du mit Ralf, ich verbringe das Wochenende dann eben auch mit meinen Freundinnen.“
Das ärgert mich. Wenn man seine Frau mal braucht, fällt sie einem in den Rücken. Andererseits: Wer sagt denn, dass man sich in Hamburg nicht amüsieren könne. Natürlich geht das, mit ein bisschen Fantasie und guter Vorbereitung. Ralf schickt eine Excel-Liste, in der die Kontaktdaten sämtlicher Teilnehmer der Fahrt stehen. Und eine Doodle-Liste, in der man ankreuzen kann, was man für die Fahrt mitbringt. Ich kreuze Bier und Frikadellen an. Um Süßigkeiten, Schnaps, Ladekabel, HSV-Tickets, Praline-Magazin und Kaffee soll sich jemand anders kümmern. Es stehen auch noch „Kondome“ sowie „Ersatzkondome“ in der Liste und ich hoffe, dass niemand dort ein Kreuz macht, denn sonst werden die Dinger wahrscheinlich während der Fahrt aufgeblasen und dafür bin ich zu alt.
Am Donnerstag habe ich mich mit dem Wochenende soweit abgefunden, dass ich nicht mehr verzweifelt ins Sofakissen boxe. Da klingelt das Telefon und Ralf sagt ab. Die Grippewelle. Ob man die Sache verschieben könne, so um eine oder zwei Wochen. Ich halte dies für einen ausgesprochen vernünftigen Vorschlag und gebe mich begeistert von diesem Weitblick. Sara verbringt dann das Wochenende tatsächlich mit ihren Freundinnen in einem Wellness-Hotel. Und ich sitze zwei Tage mit Nick auf der Couch. Netflix, Playstation und Pizza. Auch irgendwie ein Männerwochenende. Und ganz ohne vorherige anstrengende Zugfahrt.