Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Trompetenkäfer … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 19.04.2018

571_Der Hamburg-Trip

Es war naiv von mir, als ich dachte, dem Herrenwochenende mit Ralf entronnen zu sein. Ich mache mir nichts aus solchen Expeditionen. Ich fahre nicht auf einem Bier-Bike herum, ich trinke nicht aus Eimern und ich setze mir keine lustigen Hüte auf. Ralf schon. Aber weil wir uns so lange nicht mehr gesehen hatten und ich ihn mag, hatte ich seine Einladung zu einem Jungstrip nach Hamburg nicht ausgeschlagen. Ich hoffte insgeheim auf die Islamisierung des Abendlandes. Oder auf einen Neutronenbombenangriff aus Nordkorea.
Tatsächlich wurde Ralf zunächst vom aktuellen Grippevirus ausgebremst. Die Männerreise wurde deswegen aber nicht ersatzlos gestrichen, sondern bloß verschoben. Und so stehe ich also am letzten Samstag mit meiner kleinen Reisetasche auf dem Bahnsteig in München und warte auf Ralf, sowie seine besten Freunde Ingo und Schuschi. Ich finde, wenn ein Mann mit 52 Jahren immer noch Schuschi heißt und nicht Frank oder Thomas, dann ist in der Biografie irgendwas entsetzlich schiefgelaufen. Ursprünglich sollten wir übrigens zu sechst sein, aber die anderen Teilnehmer haben abgesagt. Wegen Kinderwochenende und Schadsoftware auf den Firmenrechnern. Alleinerziehender Datenbeauftragter müsste man sein, dann hätte man glaubwürdige Ausreden.
Egal. Schuschi bringt zwei Paletten Dosenbier und vier T-Shirts mit, auf denen unsere Vornamen stehen und das Datum, sowie „Hamburg“. Meinen Namen hat er mit zwei „n“ geschrieben. Wir ziehen die Hemden an und entern den Zug, in dem Schuschi bis Ingolstadt sieben Dosen Pils trinkt. Er plant bis Hamburg den Bau der Cheops-Pyramide aus Bierdosen und gibt nur ungern eine davon ab. Das ist mir ganz Recht so. Ich vertrage keinen Alkohol mehr. Ein größeres Glas Rotwein und ich fasele. Wobei meine Frau findet, dass ich auch nach einem größeren Glas Apfelschorle fasele. Oder nach Hagenbuttentee. Eigentlich fasele ich immer. Jedenfalls vertrage ich nichts und verzichte weitgehend auf Alkohol.
Neulich wurde ein Reisender am Frankfurter Flughafen daran gehindert, mit zwei Flaschen Wein im Gepäck ein Flugzeug zu besteigen. Daraufhin hat er den Wein einfach ausgetrunken und anschließend hätten zwar die leeren Flaschen mitfliegen dürfen, aber er nicht, weil er dem Personal zu bezecht erschien. Dabei hatte er bloß 0,96 Promille. Wenn ich zwei Flaschen Wein tränke, wäre ich tot. Schuschi bringt es auf vierzehn Dosen Bier, bevor er das erste Mal die Toilette aufsucht, wobei er laut ein Lied singt, in dessen Refrain es heißt: „Geh mal Bier hol’n, du wirst schon wieder hässlich.“
Währenddessen schreibt Ingo ununterbrochen Nachrichten, um seine Frau auf den neuesten Stand („sind jetzt hinter Nürnberg“) zu bringen. Ralf betätigt sich als DJ und ich stelle fest, dass wir uns dramatisch auseinanderentwickelt haben, besonders in musikalischen Fragen. Immerhin hat er Frikadellen dabei, die so unfassbar nach Schweinefleisch-Apokalypse stinken, dass sich Fahrgäste aus dem übernächsten Abteil beim Schaffner beschweren. Das amüsiert Schuschi derart, dass er ihnen eine Runde Pils spendiert. Hinter Hannover sinkt die Stimmung merklich. Die Drei werden bei der letzten Reihe der zweiten Dosenpalette träge und die Pläne ändern sich, zumal Ingo mitteilt, dass er alle vier Minuten ein Kontrollbild nach Hause schicken müsse. Und das sei auf der Reeperbahn natürlich etwas doof. Minütlich lässt die Lust am Exzess nach, dafür verteilt Schuschi nun ein Wodka-Kirschsaft-Gemisch.
Als wir gegen 15 Uhr in Hamburg eintreffen, schlafen die drei tief und fest. Ich bekomme sie einfach nicht wach. Also steige ich aus und sehe mir die Elbphilharmonie an. Ich absolviere einen langen Spaziergang und versuche ein Dutzend Mal vergeblich, Ralf zu erreichen. Schließlich entscheide ich, wieder nach Hause zu fahren und nehme den Zug um 18 Uhr. Auf der Suche nach einem freien Platz komme ich an einem Abteil mit drei Männern in doofen T-Shirts vorbei. Ralf, Schuschi und Ingo wollen wieder nach Hause. Oder sie sind einfach im Zug sitzen geblieben, das lässt sich ihnen nicht entlocken. Jedenfalls haben sie frische Getränke an Bord. Wir stoßen auf das gelungene Männerwochenende an, Schuschi baut weiter an seiner Pyramide und ich bin um Mitternacht wieder Zuhause.