Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Bananenkrümmer … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 19.04.2018

572_Sommerzeit-Mimimi

Jedes Jahr dieses Theater. Ab zwei Wochen vor Umstellung der Uhren geht das Gejammer los. Siebzig oder achtzig Prozent der Deutschen sind angeblich gegen die Sommerzeit. Es wird wieder ausgiebig erzählt, warum die Uhrumstellung eingeführt wurde und dass sie nichts bringe und abgeschafft gehöre. Und jedes Mal denke ich: Wieso denn? Ist doch super, die Sommerzeit. Und da sich in den Medien kaum noch Anwälte für die Sommerzeit vernehmen lassen, möchte ich diese Funktion übernehmen und einfach mal ein wenig Awareness spreaden, wie meine Tochter sagen würde.
Als erstes Argument gegen die Sommerzeit wird jedes Jahr ins Feld geführt, sie sei umständlich. Völliger Unsinn. In Zeiten der Digitalisierung geht das alles von selber. Gut, analoge Zeitmesser muss man natürlich von Hand verstellen und man sollte dabei nicht die Parkscheibe im Auto vergessen. Aber so wahnsinnig viel Arbeit ist das auch wieder nicht. Argument Nummer zwei hingegen wiegt schwerer: Kritiker der Sommerzeit behaupten, dass es durch die Verschiebung des Morgens um eine Stunde nach hinten zu einem Jetlag käme. Und das ist ja wohl zum Piepen.
Ausgerechnet die Reiseweltmeister aus Deutschland regen sich über winzig kleine Zeitverschiebungen auf. Dabei hat die Tourismusanalyse 2017 der Stiftung für Zukunftsfragen ergeben, dass noch nie so viele Deutsche in entfernte Urlaubsländer gereist sind wie 2017. Besonders beliebt waren im vergangenen Jahr die Karibik, Dubai, China, Thailand, Indonesien, Sri Lanka und die Malediven. Und womit bezahlt man diese Expeditionen? Mit zirkadianen Schlaf-Wach-Rhythmusstörungen von biblischen Ausmaßen. Diese scheinen übrigens manchen Deutschen der Hauptanlass für die ganze Reiserei zu sein. Arbeitnehmer berichten am ersten Arbeitstag jedenfalls deutlich einprägsamer von ihrem Zeitzonenkater als von ihrer Visite der chinesischen Mauer.
Die Überquerung von möglichst vielen Zeitzonen dient der Dokumentation des sozialen Aufstiegs, denn je länger man bei der Rückkehr darunter leidet, desto weiter ist man im Leben gekommen. Wer damit angibt, der kann auch mal ein Stündchen kürzer schlafen, ohne sich aufzuregen. Und außerdem wird uns diese Stunde nicht weggenommen, sondern nur ausgeliehen. Ende Oktober bekommen wir sie ja wieder zurück. Meine Theorie ist, dass die Sommerzeit-Gegner einfach nicht genug mit der Bahn fahren. Dabei wird den Fahrgästen nämlich täglich derart viel Zeit gestohlen, dass man damit die Erde viermal umwickeln könnte, wenn jede Sekunde einem Meter entspräche. Mir zum Beispiel fehlen seit dem vergangenen Samstag knapp acht Stunden Lebenszeit. Diese habe ich auf der Fahrt von Köln nach Leipzig im ICE verbracht. Und während die Zeit verging, stand der Schnellzug die ganze Zeit, was ich physikalisch bemerkenswert finde. Und zwar in Erfurt. Der Grund war die Sperrung des Leipziger Hauptbahnhofes wegen zwei Schneeflocken, welche sämtliche Gleise außer Betrieb setzten. Wenn das so einfach ist, würde ich Russland empfehlen, unser Land mit Schneekanonen anzugreifen. Dann geht sofort nichts mehr bei uns.
Immerhin unterhielt die Bahn ihre Gäste mit wahnsinnigen, aber ulkigen Ansagen. Zum Beispiel kamen die gestrandeten Fahrgäste eines anderen ICEs in den Zug und die Menschen wurden aufgefordert, sich ab sofort mit dem Sitzen abzuwechseln. Dann wurde offiziell die erste Klasse für Alle freigegeben, was sich für die dortigen Fahrgäste offenbar anfühlte wie eine Zombie-Apokalypse. Wirklich wertvolle Informationen waren rar, aber immerhin kam abends noch eine, in der es hieß, dass der Zug letztlich nicht mehr nach Leipzig führe. Wer das erlebt hat, sehnt sich die saisonale Uhrenumstellung als größtes Zeitproblem herbei.
Ich freue mich jedenfalls auf den Sommer mit seinen verlängerten Abenden, denn nichts ist so herrlich wie das Geräusch der Zikaden auf der Terrasse. Wer nicht in den Urlaub fährt, kann mit etwas Fantasie das Quietschen der Kinder-Trampoline in der Nachbarschaft zum romantischen Gezirpe umdeuten und sich freuen, dass es über Stunden anhält. Denn solange es noch hell ist, gehen die Kinder nicht rein.