Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Kinokartenverlierer … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 19.04.2018

573_Eine Win-Lose-Situation

Wenn sie sich mal richtig alt fühlen möchten, müssen sie nur mit einer Rotte Pubertiere „Tabu“ spielen. Das ist dieses Spiel, in dem man Begriffe erklären oder raten muss, ohne auf bestimmte Hilfsworte zurückgreifen zu dürfen. Dabei läuft die Uhr. Letzten Dienstag war ich der Verzweiflung nahe, als wir gegen die Kinder „Tabu“ spielten. Ich hatte mich zuvor damit gebrüstet, unschlagbar zu sein. Ich kann „Quittung“ umschreiben, ohne dafür die Worte „Rechnung“, „Beleg“, „Bezahlen“, „Summe“ oder „Geld“ zu verwenden. Natürlich schlug ich Nick und seinen Freunden Finn, Lisa und Charlotte vor, ihnen einen gewissen Vorsprung zu gewähren. Der FC Bayern würde ja auch immer noch haushoch gewinnen, wenn er dem FC Spätzlebrett von der schwäbischen Alb vor Anpfiff zehn Tore schenkte.

Nick erklärte mir, es habe soeben niemand gelacht. Dafür erhielte ich einen Punkt. Wenn ich drei Punkte gesammelt habe, müsse ich in Unterhose ums Haus laufen. Das sei bei ihnen so Sitte, um schlechte Scherze zu vermeiden. Dann breiteten wir das Spielfeld aus und bildeten Teams. Ich eines mit meiner Gattin, außerdem spielten Nick mit Charlotte sowie Finn und Lisa. Zunächst schlugen wir uns wacker. In der ersten Runde umschrieb ich ausführlich und fehlerfrei vier Begriffe, die Sara auch tapfer erriet: Fernseher, Seeluft, Holunder und Würfel.

Dann war Finn dran. Er sagte: „Warum liegt hier eigentlich …“ und Lisa antwortete „Stroh“. Dann fragte er: „Was hat Miley Cirus im Video von Wrecking Ball in der Hand?“ Lisa sagte: „Vorschlaghammer.“ Finn fragte: „Auf der Hose von Herrn Keller?“ Und sie antwortete: „Bratwurst.“ Sie sahen gar nicht erst auf die Karte mit den verbotenen Hilfswörtern, denn dort stand weder der Name des Sportlehrers Herr Keller noch „Wrecking Ball“. Sie waren nie in Gefahr zu verlieren. In der ersten Runde schafften Finn und Lisa zwölf Begriffe.

Ich fing an zu meckern und behauptete, so ginge das Spiel nicht. Man müsse die Wörter erläutern und nicht einfach irgendwelche halben Sätze stammeln. Das könnten sie in der Schule machen, aber nicht hier. Nick teilte daraufhin mit, dass es seine Sache sei, wie er die Begriffe umschriebe. Außerdem habe niemand über mich gelacht und ich stünde nun bei zwei Punkten. Dann war er an der Reihe: „Den feiere ich so hart.“ Charlotte rief „Kanye West. Also West, Westen.“ Und so ging es immer weiter. „Das hat die Wertmüller dem Finn gestern weggenommen.“ „Kopfhörer.“ Sara und ich verstanden praktisch keine Erklärung, nur manchmal hatten wir eine vage Ahnung. „Drake verschenkt das.“ „Bargeld.“ Das Spiel funktioniert bei ihnen ausschließlich in Kontextbezügen. „Bämm Dich hoch,“ rief Finn. „Bücken,“ rief Lisa zurück. Sie schafften in jeder Runde zehn oder zwölf Punkte.

Als ich wieder an der Reihe war, entschied, ich, genau so spielen. Ich sah nicht mehr auf die Karte mit den Hilfsbegriffen und legte los: „Kleines Küken aus!“ Und Sara rief „Palermo“. „Das bekommt Michael Palin von Kevin Kline in die Nase!“ „Pommes,“ schrie Sara. „Sie sind der Meinung, das war?“ „Spitze“ kam es von Sara zurück. Die Pubertiere kapierten gar nichts mehr. „Little red“ sagte ich und die Antwort kam in einer tausendstel Sekunde: „Corvette“. Ich holte in den siebzig Sekunden, die die Sanduhr brauchte, um einmal durchzulaufen, ganze fünfzehn Begriffe. Sara und ich klatschten uns vor den konsternierten Kindern ab und ich rief, dass man mir nun reihum die Füße küssen dürfe.

Niemand lachte, ich bekam einen Punkt und musste in Unterhose ums Haus laufen. Aber diese eine Runde habe ich gewonnen. Das kann mir im Leben niemand mehr nehmen.

Wenn sie sich mal richtig alt fühlen möchten, müssen sie nur mit einer Rotte Pubertiere „Tabu“ spielen. Das ist dieses Spiel, in dem man Begriffe erklären oder raten muss, ohne auf bestimmte Hilfsworte zurückgreifen zu dürfen. Dabei läuft die Uhr. Letzten Dienstag war ich der Verzweiflung nahe, als wir gegen die Kinder „Tabu“ spielten. Ich hatte mich zuvor damit gebrüstet, unschlagbar zu sein. Ich kann „Quittung“ umschreiben, ohne dafür die Worte „Rechnung“, „Beleg“, „Bezahlen“, „Summe“ oder „Geld“ zu verwenden. Natürlich schlug ich Nick und seinen Freunden Finn, Lisa und Charlotte vor, ihnen einen gewissen Vorsprung zu gewähren. Der FC Bayern würde ja auch immer noch haushoch gewinnen, wenn er dem FC Spätzlebrett von der schwäbischen Alb vor Anpfiff zehn Tore schenkte.

Nick erklärte mir, es habe soeben niemand gelacht. Dafür erhielte ich einen Punkt. Wenn ich drei Punkte gesammelt habe, müsse ich in Unterhose ums Haus laufen. Das sei bei ihnen so Sitte, um schlechte Scherze zu vermeiden. Dann breiteten wir das Spielfeld aus und bildeten Teams. Ich eines mit meiner Gattin, außerdem spielten Nick mit Charlotte sowie Finn und Lisa. Zunächst schlugen wir uns wacker. In der ersten Runde umschrieb ich ausführlich und fehlerfrei vier Begriffe, die Sara auch tapfer erriet: Fernseher, Seeluft, Holunder und Würfel.

Dann war Finn dran. Er sagte: „Warum liegt hier eigentlich …“ und Lisa antwortete „Stroh“. Dann fragte er: „Was hat Miley Cirus im Video von Wrecking Ball in der Hand?“ Lisa sagte: „Vorschlaghammer.“ Finn fragte: „Auf der Hose von Herrn Keller?“ Und sie antwortete: „Bratwurst.“ Sie sahen gar nicht erst auf die Karte mit den verbotenen Hilfswörtern, denn dort stand weder der Name des Sportlehrers Herr Keller noch „Wrecking Ball“. Sie waren nie in Gefahr zu verlieren. In der ersten Runde schafften Finn und Lisa zwölf Begriffe.

Ich fing an zu meckern und behauptete, so ginge das Spiel nicht. Man müsse die Wörter erläutern und nicht einfach irgendwelche halben Sätze stammeln. Das könnten sie in der Schule machen, aber nicht hier. Nick teilte daraufhin mit, dass es seine Sache sei, wie er die Begriffe umschriebe. Außerdem habe niemand über mich gelacht und ich stünde nun bei zwei Punkten. Dann war er an der Reihe: „Den feiere ich so hart.“ Charlotte rief „Kanye West. Also West, Westen.“ Und so ging es immer weiter. „Das hat die Wertmüller dem Finn gestern weggenommen.“ „Kopfhörer.“ Sara und ich verstanden praktisch keine Erklärung, nur manchmal hatten wir eine vage Ahnung. „Drake verschenkt das.“ „Bargeld.“ Das Spiel funktioniert bei ihnen ausschließlich in Kontextbezügen. „Bämm Dich hoch,“ rief Finn. „Bücken,“ rief Lisa zurück. Sie schafften in jeder Runde zehn oder zwölf Punkte.

Als ich wieder an der Reihe war, entschied, ich, genau so spielen. Ich sah nicht mehr auf die Karte mit den Hilfsbegriffen und legte los: „Kleines Küken aus!“ Und Sara rief „Palermo“. „Das bekommt Michael Palin von Kevin Kline in die Nase!“ „Pommes,“ schrie Sara. „Sie sind der Meinung, das war?“ „Spitze“ kam es von Sara zurück. Die Pubertiere kapierten gar nichts mehr. „Little red“ sagte ich und die Antwort kam in einer tausendstel Sekunde: „Corvette“. Ich holte in den siebzig Sekunden, die die Sanduhr brauchte, um einmal durchzulaufen, ganze fünfzehn Begriffe. Sara und ich klatschten uns vor den konsternierten Kindern ab und ich rief, dass man mir nun reihum die Füße küssen dürfe.

Niemand lachte, ich bekam einen Punkt und musste in Unterhose ums Haus laufen. Aber diese eine Runde habe ich gewonnen. Das kann mir im Leben niemand mehr nehmen.