Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Babbo … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 19.04.2018

574_Prokrastination im Labor

Im Rahmen seiner Forschungsarbeiten zum Sozialverhalten des gemeinen Pubertiers sind dem Versuchsleiter erstaunliche Arbeitsergebnisse im Themenkreis „Bewegungsschwäche“ und „Aktivitätsvermeidung“ zugewachsen.
Besonders am männlichen Pubertier hat er nämlich ein sagenhaftes Talent zur Starrheit erkannt, welche besonders dann zum Ausdruck kommt, wenn es besonders viel zu tun hat. Man könnte auch sagen: Je mehr Aufgaben ein Pubertier erhält, desto weniger kann er bewältigen. Der Versuchsleiter notiert zum Beispiel am vergangenen Mittwoch eine Agenda, die nicht weniger als fünf Punkte umfasst, nämlich: Schuhe wegräumen, Geschirr aus dem Pubertierlabor in die Küche tragen, Snowboard in den Keller bringen, Englisch-Referat beenden und Opa zum Geburtstag gratulieren. Den Zeitbedarf für diese Tätigkeiten summiert der Versuchsleiter auf etwa fünfundneunzig Minuten, wobei er die Arbeit am Englisch-Referat auf achtzig Minuten schätzt und den ganzen Rest auf eine gute Viertelstunde.
Auf diese To-Do-Liste angesprochen äußert das männliche Pubertier, man möge chillen und die Priorisierung dieser Aufgaben getrost ihm überlassen. Es werde sich zu gegebener Zeit erheben und sämtlichen Tätigkeiten nachgehen und man könne ihm vertrauen. Dann fährt Nick die Playstation hoch und spielt Fortnite. Nach zwanzig Minuten fragt der Versuchsleiter den Aufgabenkatalog zur Sicherheit noch einmal ab und es stellt sich heraus, dass Nick zunächst seine Wäsche zur Waschmaschine tragen will. Dann soll er irgendwas in die Garage bringen und seine Oma anrufen und den Rest weiß er nicht mehr.
Der Versuchsleiter stellt sich vor den Fernseher, was unmittelbar zum Scheitern des Sohnes im Spiel führt und ihn sehr erbost, zumal er unter den Top Ten rangiert habe und nun leider tot sei. Der Versuchsleiter bedauert das Ableben seines Pubertiers und erinnert daran, dass er dann eben post mortem das gleichsam in Verwesung befindliche Geschirr aus seinem Zimmer bringen könne. Dann zählt er noch einmal die anderen Herausforderungen auf. Das Pubertier sagt, es könne das Snowboard erst in den Keller bringen, wenn dort die kaputte Glühbirne ausgetauscht worden sei, denn sonst habe es angst. Selber eine Glühbirne einzudrehen sei ihm nicht gegeben, da dies erstens nicht sein Job sei und die Glühbirnen zweitens im Keller lagerten und da sei es ja nun dunkel. Er gehe erst wieder dorthin, wenn es hell sei.
Die Schuhe werde Nick aber gleich aufräumen, wenn er ohnehin daran vorbeikäme und Englisch habe er in der Schule fast fertig gemacht. Es fehle nur noch der Schluss. Er werde sich dem Thema widmen, sobald er seinen Pudding aufgegessen habe. Nach dem Pudding muss er zunächst einige Nachrichten versenden und auf die Toilette, wo er so lange bleibt, bis er den Versuchsleiter in dessen Büro wähnt. Dieser hat sich jedoch versteckt und beobachtet, wie das Pubertier an seinen Schuhen vorbei latscht, um seine Schwester in ihrem Labor zu besuchen. Auf dem Rückweg wird Nick vom Versuchsleiter aufgehalten, welcher erstens auf die Schuhe hinweist und sich damit nachgerade unbeliebt macht und zweitens inzwischen die Glühbirne ausgewechselt hat, wodurch der Transport des Snowboards ermöglicht wird.
Nach weniger als einer knappen Stunde sind somit zwei der fünf Punkte erledigt und das Pubertier auch. Es muss sich jetzt erst einmal ein bisschen hinlegen. Als es wieder aufsteht, bringt es den leichter auffindbaren Teil des Geschirrs in die Küche. Fehlen nur noch das Referat und der Anruf. Nick erklärt sich für unfähig, beides zu bewältigen und entscheidet sich für den Anruf bei seinem italienischen Großvater, welcher ihm rät, sich von seinem spießigen deutschen Vater nicht unter Druck setzen zu lassen. Es käme im Leben darauf an, immer Bella Figura zu machen. Das macht Nick anschließend und zeigt neue Dance Moves, bei denen er so aussieht als würde er eine Schubkarre mit Zement über eine Bordsteinkante schütten. Sehr anstrengend alles.
Danach ist an Englisch nicht mehr zu denken. Das müsse der Versuchsleiter einsehen. Dieser blickt auf seine Aufzeichnungen, seufzt und geht ins Büro, um seine Kolumne zu schreiben. Manchmal ist er sehr neidisch auf seine Pubertiere.