Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Alterspräsident … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 19.04.2018

575_Herrschaftswissen

Manchmal erfahre ich Dinge, die ich nicht wissen sollte. Man fährt seine Pubertiere irgendwohin und wird Ohrenzeuge irgendwelcher Ereignisse, die auf dem Rücksitz diskutiert werden und dir einen nichts angehen. Zum Beispiel weiß ich, dass Lukas eine Packung Zigaretten pro Tag raucht. Seine Eltern halten ihn für einen militanten Nikotingegner, wahrscheinlich, weil sie selber welche sind. Wenn sie wüssten, dass Lukas raucht wie ein Kreuzfahrtschiff wäre der Teufel los. Eigentlich habe ich gegen die kompletten Freundeskreise meiner Kinder astreine Druckmittel in der Hand. Ich könnte sie erpressen und müsste nie wieder mein Altglas selber wegbringen oder den Rasen mähen. Nie, nie wieder.
Es kommt auch vor, dass ich geheime Wahrheiten über fremde Kinder portionsweise aus meinen eigenen herausbugsiere. Wie bei der Sache mit meinem Pullover. Nick trug ihn am vergangenen Sonntag. Ich wies ihn darauf hin, dass es sich um ein Stück aus dem väterlichen Schrank handelte. Er lächelte und bedankte sich dafür, dass er ihn tragen durfte.
„Du durftest ihn nicht tragen. Her damit,“ sagte ich. Er zog ihn aus und gab ihn mir. Der Pullover roch wie Pestilenz und Seuche. Ich fragte Nick, was das für ein Gestank nach Kneipe und undefinierbaren Aromen sei. Er sagte, dass es sich bei Letzteren wahrscheinlich um Erbrochenes handele. Marvin habe ihm nach der Party gestern auf den Ärmel gereihert. Er habe versucht, es auszuwaschen, sei aber offenbar nicht erfolgreich gewesen.
„Und warum hat Marvin sich auf meinen Pullover übergeben?“
Nick erklärte, dass der Mix wohl übermütig gewesen sei. Wein und Bier, sowie Baileys und Prosecco. Und alles wahrscheinlich lauwarm, weil Jugendliche traditionell den Wert einer ordentlichen Getränkekühlung nicht recht zu schätzen wissen. Ich gab zu Protokoll, dass mir diese Party vom Vorabend als sanfte Zusammenkunft unter Freunden und nicht als Saufgelage annonciert worden sei. Nick winkte ab und sagte: „Wo Marvin ist, gibt es immer was zu trinken.“ Und dann fügte er hinzu, dass sie bei dem Pullover-Malheur eigentlich schon auf dem Heimweg gewesen seien, denn Marvin sei leider bei der Party rausgeflogen.
„Aha. Und warum?“
„Weil er so schlimm Liebeskummer hatte.“ Ich sagte, dass man deshalb noch nicht unbedingt persona non grata auf Partys sei. Ich habe in meiner eigenen Jugend viel Zeit auf Partys verbracht und da hatten irgendwie alle ständig Liebeskummer. Nick fügte erklärend hinzu: „Naja. Er hat halt bei den Holtmanns den Teppich angezündet.“ Nick sagte das in einem Ton, als gehöre es zu den Konventionen jugendlicher Freizeitaktivität, samstags in fremden Haushalten die Auslegeware in Brand zu setzen. Dann schilderte er, dass der enorm angetüterte Marvin zuerst wie ein Irrer getanzt habe. Danach habe er eine halbe Flasche Stroh Rum auf dem Läufer der Familie Holtmann ausgeschüttet und verkündet, er werde nun über den brennenden Teppich gehen. Das habe er getan, um Lena zu beeindrucken, die vorher mit ihm Schluss gemacht habe und es habe dann auch sehr cool ausgesehen. Lediglich der Gastgeber sei mit der farblichen Veränderung des Teppichmusters nicht ganz einverstanden gewesen und man habe sich daher verabschieden müssen. Und auf dem Heimweg sei es dann zur Verunreinigung des Pullovers gekommen, die Nick sehr bedauere.
Ich wusste also, dass Marvin erstens keine Freundin mehr hatte. Und, dass er gerne Kaltgetränke konsumiert, die er nicht konsequent bei sich behalten kann und dass er bei Holtmanns einen kleineren Zimmerbrand verursacht hatte. Später ging ich spazieren und traf zufällig auf Marvins Eltern. Ich sagte, dass gestern wohl eine wilde Party gewesen sei. Marvins Mutter entgegnete, davon könne doch keine Rede sein. Laut Marvin habe man lediglich Cola getrunken und Big Bang Theory geguckt. Sie finde ihren Sohn eigentlich viel zu brav für sein Alter und sie sorge sich regelrecht, weil er so vernünftig sei und nie über die Stränge schlage. Wann wohl die Partyzeit bei ihm endlich losginge? Wir verabschiedeten uns. Seitdem beschäftigen mich zwei Fragen. Erstens: Hätte ich ihr die Wahrheit über ihren Sohn sagen sollen? Und zweitens: Was wissen eigentlich die anderen Eltern über unseren Nick?