Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Wurstwasser … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 15.05.2018

577_Kohlrabi-Marketing

Manchmal ist es frustrierend, die Welt von absolut vernünftigen Sachverhalten überzeugen zu wollen. Diese Erfahrung musste soeben der bayerische Ministerpräsident Markus Söder machen, der absolut der Meinung ist, dass in jedes öffentliche Gebäude Bayerns ein Kreuz gehört. Er hat dies mit den bayerischen Traditionen begründet. Dabei ist ihm lediglich der Denkfehler unterlaufen, dass es zwar eine christliche Tradition in Bayern gibt, aber eben auch eine säkulare, was die Verwaltung des Landes betrifft.
Der Fehler des Landesvaters bestand nicht im Wunsch, Kreuze in Einwohnermeldeämtern aufzuhängen, sondern in der Argumentation. Die hätte weiß Gott trickreicher sein können, um auch Nichtkatholiken zu überzeugen. Diesen sei hiermit gesagt, dass dreierlei für das Kreuz spricht, an dem Jesus für uns hat leiden müssen. Erstens: Jesus war Kind einer Flüchtlingsfamilie, zweitens Ausländer und drittens nicht einmal Christ. Aber auf diese Volte ist Söder wohl nicht gekommen. Und nun muss er mit allerhand Spott leben. Ich kenne dieses Gefühl, denn seit Jahren kämpfe ich zuhause einen einsamen Kampf. Ich finde nämlich ein bestimmtes Gemüse lecker. Was dem Söder sein Kreuz, ist mir mein Kohlrabi.
Für mich ist Kohlrabi der unbesungene Held des Gemüsebeets. Kohlrabi klingt wie ein indischer Geheimagent und sieht aus wie das Knolle gewordene Versprechen einer besseren Welt. Kohlrabi ist das feinste und wundervollste, was einer Frikadelle bei einem Blind Date auf dem Teller überhaupt begegnen kann. Finde ich. Da bin ich aber leider der einzige Kenner und Fachmann in unserer Familie. Nick und Carla und Sara lehnen den Kohlrabi als blassgrüne Kartoffel-Missgeburt grundsätzlich ab. Sämtliche Versuche, ihnen die Stängelrübe gedünstet, gekocht, gegrillt oder in Panade verpackt anzudrehen, sind gescheitert.
Als letzte Maßnahme versuchte ich es mit einem Trick, der eigentlich immer greift, nicht nur bei meinen Kindern: Ich versuchte, das Zeug als allerletzten Schrei urbaner Gesellschaften zu verkaufen. Auf diese Weise habe ich schon einmal Erfolge bei Grünkohl erzielt, der in Brooklyn als Wundernahrung gilt und sehr en vogue ist, besonders roh, was man nicht nur in Norddeutschland bizarr finden darf. Jedenfalls konnte ich den Pubertieren den Grünkohl nur über den Umweg der Schilderung von New Yorker Hipster-Dachgärten schmackhaft machen. Ob das beim Kohlrabi auch funktionieren konnte? Ich brauchte eine gute Story, ohne geht es nicht. Zum Beispiel mit einem neuen Namen. Rauke wollte auch kein Mensch essen, bis sie in Rucola umgetauft wurde und damit eine Renaissance erfuhr, die ihr aus dem vergitterten Hasenstall zurück auf die Teller moderner Großstädter half. Und Kohlrabi klingt ja auch wirklich ziemlich unsexy, das muss man zugeben. Fast so schlimm wie Wirsing. Bei Kohlrabi denkt man sofort an Kleingärtner mit dicken Beinen in Gummistiefeln. Oder an dampfende Armenküche. Man könnte dem Kohlrabi-Marketing also auf die Beine helfen, wenn man ihn umbenennen würde. Auf französisch macht die Knolle zum Beispiel bedeutend mehr her und heißt Chou-Rave. Das klingt wirklich entschieden glamouröser als Kohlrabi. Man glaubt fast, dass es auch anders schmeckt. Besser, pointierter, weniger nach Schrebergartenerde.
Als Nick gestern Abend fragte, was es zu Essen gäbe, erklärte ich ihm also, dass es mir endlich gelungen sei, ein paar wenige in Deutschland erhältliche Exemplare von Chou-Rave zu ergattern. Er fragte, was das sei und ich erklärte ihm, es sei das französische Hipster-Gemüse schlechthin. Wenn ich meinen Quellen glauben könne, dann kostete ein einziges Stück auf dem Pariser Wochenmarkt fünf Euro. Moderne Pariserinnen und Pariser aus der Musik– und Modeszene seien ganz wild auf Chou Rave. Er werde dort nicht nur gegessen, sondern auch in schmalen Streifen geschnitten in Longdrinks gesteckt. Und Virgil Abloh drucke Chou-Rave-Schriftzüge auf T-Shirts von Off-White.
Nick war sehr angetan. Er sagte: „Nicht schlecht. Schmeckt ein bisschen wie Kohlrabi, aber wesentlich besser, nicht so erdig. Sehr lecker. Die haben Lebensart, die Franzosen.“ Es war ein Sieg. Ein kleiner Sieg. Ich werde ihn auf keinen Fall aufs Spiel setzen. So lange die Kinder das Zeug nicht googeln, gibt es das jetzt drei Mal die Woche.