Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Unterwäschemodel … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 07.06.2018

578_Auf nach Shifty Shafts

Manchmal bin ich stundenlang ohne Aufsicht. Die Kinder nicht da, die Frau nicht da. Und keine Aufgabe weit und breit. Ich gebe meine Texte pünktlich ab, das ist vielleicht ein Fehler. Menschen, die saumselig an ihren Jobs herumbasteln, leiden nicht unter Nichtstun. Ich gehe durchs Haus wie das kleine Gespenst und mache mir Kaffee. Schließlich rufe ich Sara bei der Arbeit an. Ich erzähle, dass man den Teppich im Wohnzimmer reinigen lassen müsse. Sie sagt, dass wir das später besprechen könnten. Ich schicke meinen Kindern Nachrichten. Mit lustigen Bildchen. Sie antworten knapp. Carla schreibt: „Papa, was ist jetzt schon wieder los?“ Nick schickt ein sich immer wieder wiederholendes Filmchen, ein Gif. Darin ist ein Mann zu sehen, dessen Gesicht nach vorne in einen Teller Nudeln fällt. Darunter steht: „Hat mein Vater wieder Langeweile?“
Niemand will etwas mit mir zu tun haben. Dies treibt einen in die Rolle des ulkigen Sonderlings. Heute sagt man Nerd dazu. Und machen Nerds? Sie spielen Computerspiele. Nick hat am Vortag vergessen, die Playstation auszumachen. Mal sehen, was er gerade zockt. Aha. Fortnite heißt das. Ich entschließe mich, eine Runde zu versuchen, auch damit man mal weiß, womit die Pubertiere so ihre Lebenszeit vergeuden.
In Fortnite schwebt man mit einem Fallschirm auf eine Insel, um dann für den Rest des Spiels zu verhindern, erschossen zu werden. Sämtliche weitere Figuren auf der Insel werden von Mitspielern irgendwo auf der Welt gesteuert, denn Fortnite ist ein Online-Spiel. Es treten bei jedem Match einhundert Personen gegeneinander an und steuern ihre Avatare durch die Landschaft, durch Häuser, Lagerhallen, durch Gebirge oder Wiesen. Wer als Letzter übrigbleibt, hat gewonnen. Um die Sache spannender zu machen, wird der Aktionsradius auf der Insel immer kleiner. Man kann sich nicht einfach verstecken, bis man gewonnen hat.
Meine erste Runde dauert zwanzig Sekunden, dann hat mich jemand von hinten unblutig, aber eiskalt abgeknallt. Ich mache mir vor Schreck beinahe in die Hose Na warte. In Runde zwei sammle ich ein Schrotgewehr und eine größere Handfeuerwaffe, mit der es mir gelingt, einen Mitspieler aus dem Spiel zu nehmen, bevor ich von Loromx12 gesniped werde. In Runde drei suche ich mir eine andere Gegend auf der Insel aus. Ich laufe jetzt nicht mehr durch Snobby Shores, sondern probiere den neuen Krater aus, wo früher mal das Dusty Depot war. Ich will von dort zu den Risky Reels, aber ich werde von einem Brutalo in einem sehr aufwändigen Kostüm gestoppt. Ich hingegen sehe im Spiel immer aus wie Angelina Jolie in Tomb Raider.
Ab Runde vier verfolge ich eine Strategie. In Runde fünf lerne ich, wie man mit gesammelten Ressourcen Verstecke bauen kann. Und wie viele Medizinampullen man dabeihaben sollte. Und dass es nicht gut ist, die ganze Zeit in der Schule auf Besuch zu warten. Zentrale Orte wie die Titled Towers sollte man als erster Spieler erreichen oder ganz meiden, weil da sonst schon zu viele Gegner auf einen warten. Ich komme erstmals unter die letzten Zwanzig, dann unter die letzten fünfzehn. Das ist so aufregend, dass ich das Telefon zunächst gar nicht höre. Als ich drangehe, sagt Sara, sie habe sich die Sache mit dem Teppich überlegt und finde es gut, dass ich mich darum kümmere. Und sie sei etwas abweisend gewesen und es tue ihr leid. „Jaja“, sage ich, um sie abzuwimmeln, denn ich vermute irgendwo in den Shifty Shafts eine goldene Truhe und habe keine Zeit für irgendwelche blöden Teppiche.
Nachdem ich mehrmals in einem frühen Stadium von irgendwelchen Mitspielern –vermutlich einsamen Stubenhockern aus Asien – eliminiert wurde, gebe ich fürs Erste auf und schmeiße den Controller auf die Couch. Dann mache ich Kaffee und die Kinder kommen heim. Wenig später möchte Nick Fortnite spielen, muss jedoch feststellen, dass die Batterien des Controllers leer sind. Er fragt mich, ob ich gespielt habe, was ich brüsk verneine, denn ich bin ein ernsthaft arbeitender Mensch und ich spiele nicht, das ist mir viel zu albern. Ich habe für solchen Unfug keine Zeit. Außer morgen vielleicht. Wenn Nick in der Schule ist. Es gibt da ein paar Skins, die mich interessieren und ich muss eine Armbrust haben. Ich kann es kaum abwarten. Es sind Teufel, die das programmiert haben.