Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Bahn-Opfer … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 07.06.2018

579_Diplomatische Dos und Don’ts

Gestern habe ich den neuen Avengers-Film gesehen. Sein Erfolg ist für mich ein großes Mysterium, denn man versteht in diesem zweieinhalb Stunden langen Geballer und Getöse beim besten Willen nicht, worum es eigentlich geht. Die Sache ist wegen der betörenden Vielzahl von Superhelden und Superheldengegnern auf diversen Planeten in verschiedenen Galaxien hochgradig unübersichtlich, man kann die Handlung so zusammenfassen: Komplett irre Typen in seltsamen Anzügen machen alles kaputt. Im Grunde genau wie in der Bundesregierung. Da übernehmen diesen Job vor allem Alexander Dobrindt und Jens Spahn. Sie befinden sich in einem unermüdlichen Wettstreit und wollen beide Superschurke Nummer eins werden. Sie profitieren dabei von der Tatsache, dass sie nicht so gut aussehen wie ihr ärgster Widersacher Andreas Scheuer.
Im Moment hat Jens Spahn die Nase vorn. Der wunderte sich jüngst darüber, dass die katholische Kirche etwas dagegen habe, wenn man Kreuze aufhänge. Da hat Herr Spahn etwas nicht verstanden, vielleicht mit Absicht, aber ich fürchte, er hat es tatsächlich nicht kapiert. Also noch einmal, auch wenn es ziemlich einfach ist: Die Kirche hat grundsätzlich überhaupt nichts gegen Kreuze, allerdings hätte sie es gerne, wenn man diese aus Glaubensgründen aufhängt und nicht alleine deswegen, weil man darauf hofft, zur Belohnung im Herbst von Rechten gewählt zu werden. Das Kreuz ist sozusagen das Laserschwert der CSU im Kampf gegen die AfD. Aber ich finde, das macht man nicht, irgendwie gehört sich ein derartiges Kalkül auf dem Rücken des Glaubens nicht.
Man sieht daran mal wieder, dass bürgerliche Konventionen und die Einhaltung von Geschmacksgrenzen in der modernen Welt nur noch wenig zählen. Das verwundert, denn es ist gerade wegen den mannigfaltigen digitalen Recherchemöglichkeiten ja sehr einfach, herauszufinden was man macht und was nicht. Zum Beispiel gilt es als unfein, einem Staatsgast die Schuppen vom Anzug zu wischen, wie es Donald Trump gerade bei Emmanuel Macron getan hat. In Frankreich ist das ein klarer Verstoß gegen die Etikette und unter der Herrschaft der Jakobiner wurden die Menschen für weit geringere Verfehlungen geköpft. Trump kann froh sein, dass Monsieur Macron so kultiviert ist.
Dasselbe gilt für die Königin von England, die es einst mit stoischer Ruhe ertrug, vom französischen Präsidenten Jacques Chirac mehrmals – oh goodness – am Arm berührt zu werden. Den selben Fehler beging 2016 die kroatische Präsidentin Kolinda Grabar-Kitarovic, die der Queen nicht nur die Hand gab, sondern auch noch ihren Ellbogen anfasste. Die Präsidentengattin Michelle Obama drückte der Königin sogar ein Küsschen auf die Wange als sei diese eine reizende alte Oma in einem Altersheim in Burnley. Misses Obama schuf damit einen hochbrisanten Moment, in welchem die britische Öffentlichkeit den Atem anhielt und mit der sofortigen Bombardierung Washingtons durch die Royal Air Force rechnete.
Über die feinen Unterschiede in der Etikette muss man rechtzeitig Bescheid wissen, dann weiß man auch, dass es auf Capri aus Lärmschutzgründen verboten ist, in Flip-Flops herum zu latschen. Die Kanzlerin müsste dies unbedingt berücksichtigen, falls sie einmal auf Staatsbesuch nach Capri muss. Und natürlich hätte sich die israelische Staatsführung früher darüber informieren können, dass man einem Japaner keinen Schuh vor die Nase stellt. So jedoch wurde der japanische Regierungschef Shinzo Abe neulich mit Süßspeisen konfrontiert, welche sich in der metallenen Nachbildung eines Budapester Schuhs befand. Das kann man mit Recht skurril finden, beleidigend ist es nicht – außer in Japan, wo die Medien schäumten.
Auch bei uns zuhause wurde jüngst die Etikette vernachlässigt. Von mir. Wir saßen am Tisch und ich pustete die Gabel an, wie ich es seit knapp fünfzig Jahren mache, wenn mir das Essen zu heiß ist. Da platzte aus unserer Tochter heraus, dass sie diese Angewohnheit hasste und dass ich das nie mehr machen dürfe und dass es ekelhaft sei, die Gabel anzupusten. Für den Fall, dass Carla einmal unser Land regiert und Sie sind bei ihr eingeladen, notieren Sie bitte: Das Bepusten von Besteck ist verboten. Bei Zuwiderhandlung droht ein Handelskrieg.