Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Aufschneider … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 07.06.2018

580_Mediennutzung 3.0

Das Zeitungssterben sorgt für Beklemmungen in den Redaktionen. Bei der Zeitung, die täglich zu uns ins Haus kommt, bin ich leider aktiv am Rückgang der Leserschaft beteiligt, das muss ich zugeben. Zwar möchte ich theoretisch, dass meine Kinder die Zeitung lesen. Aber es muss ja nicht unbedingt meine sein. Im Grunde bin ich froh um jeden Mitbewohner meines Haushalts, der seine Pfoten von meiner Zeitung lässt. Ich bin da etwas neurotisch.
Wenn ich im Hotel der fünfte oder sechste Gast an einem bereits völlig verdrehten, verknüllten und ungeordneten Exemplar bin, verzichte ich meistens. Ich bin gebrauchtem Papier gegenüber abhold. Und zwar jeder Sorte Papier, wenn Sie es genau wissen wollen. Manchmal komme ich nicht um eine mehrfach gelesene Zeitung herum. Dann sind die Lagen vertauscht, nur zur Hälfte durchgeblättert und die Seiten hängen schief heraus. Womöglich befinden sich Spuren von Butter in der Wirtschaft oder Krümel im Sportteil. Ich nehme mir dann Zeit, um dieses papierne Verbrechensopfer wieder einigermaßen zu richten.
Jedenfalls mag ich es nicht, wenn Unbefugte Hand an meine Zeitung legen. Die Unbefugten haben das bereits in frühester Kindheit verinnerlicht, sodass sie nicht zu regelmäßigen Zeitungslesern herangewachsen sind, was mir jetzt, wo wir so dringend neue Leserinnen und Leser brauchen könnten, ein wenig unangenehm ist.
Das hat aber auch sein Gutes, denn Nick und Carla werden auf diese Weise nicht so stark konfrontiert mit den Abscheulichkeiten der Realität. Wenn zum Beispiel in der Zeitung das schäbige Verhalten der AfD-Gouvernante Alice Weidel kommentiert wird, haben Nick und Carla bereits von den miesen Sprüchen der Bundestagsabgeordneten nichts mitbekommen. Sie müssen daher kaum mit klugen Leitartikeln getröstet werden. Das bedeutet nicht, dass sie desinteressiert wären. Sie sind nur moderner im Umgang mit den Medien als ich.
Wenn ich nämlich die Zeitung lese, nehme ich relativ demütig alles entgegen, was dort angeboten wird. Ich lese auch Artikel, die mich nicht interessieren und solche, die ich nicht verstehe, weil ich nun einmal finde, dass dies zu einer erwachsenen Mediennutzung dazugehört. Ich verhalte mich wie ein mittelalterlicher Dorfbewohner, der auf dem Kirchplatz steht und dem Herold zuhört, der mit ausgerolltem Pergament verkündet, was der König sich zuletzt für seine Untertanen ausgedacht hat. Meine Kinder finden das ulkig.
Und sie sind viel besser informiert als ich dachte, wenn auch nur über Dinge, für die sie sich interessieren. Zum Beispiel kann Carla mit Details des Bayerischen Polizeiaufgabengesetzes glänzen, die mir völlig fremd waren. Und Nick weiß genau, wie Glyphosat in unser Essen kommt. Sie wissen es über Links, die sie einander schicken. Und über die News-Feeds der großen Zeitungen. Immer, wenn etwas interessant erscheint, lesen sie es. Ich bin nicht ganz sicher, ob das nicht klüger ist als meine Medien-Nutzungsmethode. Ich weiß nämlich jede Menge Dinge, die mir egal sind, zum Beispiel, dass immer weniger Thermomixe in Deutschland verkauft werden. Nick hingegen kann einen Grundsatzvortrag über die notwendige Abwägung von Jugendschutz und Kunstfreiheit halten, wenn es um die Indizierung von Bushido-Platten geht. Er weiß nicht, was ein Thermomix ist und ich wünschte, ich könnte dasselbe von mir behaupten. Meine Synapsen sind mit Nachrichten verstopft. Aber wenigstens habe ich eine auch nach dem Lesen tipptopp unverknickte Zeitung, deren Wert ich schätze und die ich gerne weitergebe.