Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Personenvereinzelungsanlage … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 07.06.2018

581_Dattelmanns Apiskalypse

Wer heute kein aufwendiges Hobby pflegt, ist gesellschaftlich nicht mehr vermittelbar. Das weiß ich, weil ich keines habe. Wobei mein Beruf zu meinem Leidwesen oft als Hobby aufgefasst und nicht ernst genommen wird, nicht einmal von meinen Kindern. Ich könne ja auch was Richtiges erlernen, sagte mein Sohn jüngst, als ich darüber klagte, dass mir kein richtiger Schluss für ein Hörspiel einfiel. Auch Sara sagte, ich solle nicht immer jammern, sondern mir zur Ablenkung ein Hobby suchen. Das würde mich bestimmt inspirieren. Ich könne ja was im Garten machen. Das sei im Trend.
Das ist wohl wahr. Vor einigen Jahren löste die Renaissance des im Garten Rumwühlens wahre Tsunamis im Geschenkewesen aus. Kein Geburtstag verging, ohne dass dem Jubilar ein Gießkännchen oder Schläuchlein oder seltene Samen oder Rosenscheren überreicht wurden. Zum Dank erhielt man binnen Jahresfrist fancy Marmeladen, allerhand Eingemachtes sowie furchterregende Sirupkreationen zurück. Unser Keller ist voller undefinierbarer Chutney-Mischungen, Hibiskus-Himbeer-Konfitüren und Holunder-Fenchel-Sirup.
Seit einiger Zeit beobachte ich eine neue Mode. Es wimmelt in meiner Nachbarschaft nämlich von Imkern. Trotz Bienensterben. Mit dem Thema kenne ich mich nicht so aus, aber ich würde beinahe behaupten, dass es bei uns entschieden mehr Imker gibt als Bienen. Auch Ulrich Dattelmann hat sich jetzt komplett ausrüsten lassen. Dattelmann ist unser Nachbar. Er kann alles und er weiß alles. Und er sieht fabelhaft aus. Er hat nie Sorgen und zwei sehr freundliche Kinder. Ein Alptraum. Und nun macht er auch noch in Honig.
Letztes Wochenende wurden die Bienen geliefert. Und eine Wagenladung Zubehör samt Weltraumanzug und Pfeife. Dattelmann rief mich heran und ich kam zum Gartenzaun, weil ich immer komme, wenn er mich ruft. Er hört sonst nicht auf zu rufen und außerdem habe ich noch seine Säge und das macht mich hörig. Er zeigte mir seine Bienenstöcke und erklärte mir, dass er in die Honigproduktion einzusteigen gedenke. Honig sei so etwas wie die Währung der Zukunft, weil es praktisch ewig haltbar sei und man damit nach einer Apokalypse bezahlen könne. Er denkt sehr weit, der Dattelmann. Das mag ich an ihm. Während er die Inspektion seiner acht Völker vorbereitete, versorgte er mich mit Fun Facts über Bienen.
Fun Fact Nummer eins: In der Antarktis gibt es keine Bienen. Gut. Das finde ich jetzt nicht so bemerkenswert. In Der Antarktis gibt es auch keine Dackel und keine pfälzische Leberwurst. Fun Fact Nummer zwei: Für ein Kilo Honig muss insgesamt 145000 Kilometer weit geflogen werden. Wenn man bedenkt, dass ich für ein Kilo Honig lediglich etwa einen Kilometer zum Supermarkt fahren muss, tut sich hier eine gewisse Gerechtigkeitslücke auf, was die Beschaffungsanstrengung betrifft. Bienen haben es sehr viel schwerer, an Honig zu kommen als ich. Fun Fact Nummer drei: Der tägliche Flugradius einer Apis Mellifera liegt bei circa drei Kilometern. Dies traf jedoch auf Dattelmanns Bienen nicht recht zu. Nachdem er mich ausgiebig darüber informiert hatte, dass er sich sehr gut mit Bienen auskenne, zog er sich bis auf die Badehose aus und erklärte mir, dass man das Vertrauen der Tiere am besten dadurch gewänne, dass man nicht in dieser furchteinflößenden Schutzkleidung auf sie zukäme. Das würde die Bienen provozieren. Auch auf das Einnebeln mit Rauch werde er verzichten. Das sei was für Anfänger. Ich stellte mich sicherheitshalber zwanzig Meter weit weg, als er den Deckel öffnete. Und tatsächlich flogen seine Bienen keineswegs drei Kilometer weit, sondern bloß etwa einen Meter. Und zwar direkt auf ihn, um ihn zu stechen. Dattelmann sah aus wie ein großer Warzenkürbis, als ich mit ihm in die Notaufnahme des Kreiskrankenhauses kam.
Der Arzt war dann sehr nett und zählte 34 Stiche. Außerdem diagnostizierte er bei meinem Nachbarn eine Apitoxin-Allergie sowie fortgeschrittene Blödheit. Dattelmann hat nach dem Abschwellen seines Körpers die Völker und das Zubehör bei Ebay platziert und auch bereits ein neues Hobby gefunden, mit dem er sich gegen den drohenden Weltuntergang stemmen will. Er investiert jetzt in Stachelbeeren. Die hat außer ihm niemand und das macht sie besonders wertvoll.