Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Nachbar … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 07.06.2018

582_Italien vor der Katastrophe

Die Wahlen in Italien spielen außerhalb Italiens eine größere Rolle als in Italien. So kommt es mir jedenfalls vor. Man denkt in unserer umbrischen Nachbarschaft – wenn überhaupt – lokalpolitisch und die EU ist der Landbevölkerung ungefähr so fremd wie die deutsche Praxis, Parmesankäse auf Spaghetti mit Meeresfrüchten zu verteilen. Man könnte die italienische Haltung als barbarisch und ignorant bezeichnen, aber Käse auf Fisch ist auch barbarisch und ignorant und außerdem haben die Leute hier andere Themen.
Zum Beispiel scheint es dieses Jahr endlich mal wieder Oliven zu geben, was die Laune beträchtlich hebt. Dann eröffnet am Wochenende die Freiluft-Pizzeria im Dorf mit einer großen Party. Und außerdem hat die Dame in dem kleinen Lebensmittelladen „etwas machen lassen“, wie man raunt. Alle müssen nun in das kleine Geschäft, um es mal anzusehen. Mit diesen dramatischen Dorf-News kann Rom einfach nicht mithalten. Aber es gibt auch ernsthafte Angelegenheiten, die einen hier von der Weltpolitik entfremden. Eine dieser Angelegenheiten wohnt in unserer Waschküche.
Nachbar Ennio hatte sie gesehen, als er etwas aus unserer Waschküche holte. Ich weiß nicht, was es war. Er hat es sich geliehen. Es ist weg. Egal. Jedenfalls berichtete Ennio, er habe dort einen Topo angetroffen. Ich sagte, dass meine Frau eine Lebendfalle aufstellen werde, um das Mäuschen zu fangen und weit weg auszusetzen. Ich erwähnte nicht, dass ich zu solchen lebensgefährlichen Manövern psychisch nicht in der Lage bin. Ennio entgegnete, dass die Mausefalle ungefähr so groß sei, dass der Kopf des Topos hineinpassen würde. Ich lachte, denn ich verstand nicht, dass ein Topo keineswegs eine große Maus ist, sondern eine Ratte. Am nächsten Morgen hatte jemand den Käse aus der Falle geholt und diese kaputt gebissen. Ich warf die Falle weg, dann setzte ich mich auf die Terrasse, trank einen Kaffee – und sah die Ratte, die nach dem nächtlichen Käse-Buffet offenbar einen Verdauungsspaziergang machte. Zuhause in München gehen Tiere von dieser Größe als Dackel durch.
Ich bekam umgehend einen Schreianfall und flüchtete ins Bad, aus welchem Sara mich nur mit dem Versprechen herauslocken konnte, das Monster zu eliminieren. Wir liefen zu Ennio und fragten nach Rat. Er schmirgelte den großen Satz aus seiner Bauernkehle, man habe für so etwas Produkte. Dann brachte er uns zwei. Bei dem einen handelte es sich um ein Gift, welches aussah wie rosafarbenes Müsli. Wir streuten es auf einen bunten Partyteller aus Pappe, weil wir dachten, eine fröhliche Aufmachung würde den Appetit der Ratte anregen. Sie werde das Zeug essen und davon einen mörderischen Durst bekommen, versprach Ennio. Wir sollten die Tür der Waschküche geöffnet lassen. Die Ratte werde herauskommen und dann auf der Suche nach Wasser irgendwo in den umbrischen Hügeln verenden.
Sie fraß vier Tage lang ungefähr ein halbes Pfund Gift und unser Sohn taufte sie Hartmut. Ich lag nachts wach im Bett und stellte mir vor, wie Hartmut von dem rosa Müsli immer größer und stärker werdend, sich einen Weg durch die Wände beißen und eines Tages, die Pfoten in die Hüften gestemmt, aufrechtstehend und grün leuchtend vor unserem Bett auftauchen würde, um das persönliche Gespräch zu suchen. Am fünften Tag schlug Ennio seine zweite Mordmethode vor: Eine widerliche Klebe-Pappe von DIN A4-Größe. Wir sollten Schokolade darauflegen, denn Ratten liebten Schokolade. Hartmut werde an dem Blatt kleben bleiben und sterben und man könne ihn anderntags entsorgen.
Am nächsten Tag war die Schokolade weg und Hartmut hatte aus der Klebefalle Konfetti gemacht. Seitdem hat er zwei Tafeln Schokolade gegessen, fünf weitere Fallen zerstört und auch den Pappteller verzehrt, auf dem wir weiteres Gift platziert hatten. Das Loch in der Wand, in dem er wohnt, wird täglich größer. Hartmut hat inzwischen vermutlich die Ausmaße eines kleineren Gürteltieres. Wir schließen jetzt die Waschküche ab und fahren nach Hause. In ein paar Wochen sind wir wieder da. Hoffentlich steht das Haus noch. Aber wer weiß, vielleicht ist Hartmut dann auch ausgebrochen und macht sich auf den Weg nach Rom. Das
sind dann Probleme. Dagegen ist die Regierungsbildung in Italien wirklich eine Klatschpolka.