Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Halwe Hahn … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 11.06.2018

583_Der Ausbruch von LaCarla

Überall ist zu lesen, dass extreme Naturereignisse zunehmen. Dazu zählt die Wissenschaft heftige Sommergewitter, den verlangsamten Golfstrom sowie die Wutausbrüche unserer Tochter. Letztere verändern das Klima erheblich, besonders in unserem Wohnzimmer. Dabei sind die Eruptionen, die das Haus erschüttern lassen, völlig unberechenbar und folgen keiner seismischen Logik. Quasi anlasslos tobt Carla dann über ihren armen alten Vater hinweg und knallt am Ende eine Tür zu. Wenn man Glück hat, ist es die Haustür. Dann ist sie für ein Weilchen weg, der Schwefeldampf verzieht sich und bei Ihrer Rückkehr ist alles wieder gut.
Das unterscheidet Carla von einem Vulkan, der zwar auch unberechenbar ist, aber grundsätzlich dort stehen bleibt, wo er ausbricht. Ansonsten jedoch hat unser Kind viel von einem aktiven Vulkan. La Carla kann glühende Brocken hervorstoßen und wenn der Lava-Strom ihrer Empörung einmal in Bewegung ist, wälzt sie damit alles nieder, was sich ihr in den Weg stellt. Neulich sah ich im Fernsehen Bilder aus Hawaii, auf denen die Lava ein abgestelltes Auto unter sich begrub. So ähnlich geht es mir, wenn ich das erboste Pubertier darüber informiere, wie ungerne ich verklebte Müslischälchen spüle.
Man mag dies für eine spießige Petitesse halten, aber: Durch verzuckerte Milch an Keramik geklebte Weizenflocken sind die Pest. Ich weiß nicht, warum man diese Schälchen tagelang rumstehen lassen muss. Ich weiß nicht, warum man sie nicht einfach in die Spülmaschine stellt. Und ich verstehe nicht, dass man in die Luft fliegen muss, wenn dieses Müslithema aufgebracht wird. Man sagt Müsli, Schale, Milch und Sauerei und dann geht’s los.
Das erste, noch recht zarte Rumpeln besteht in ihrer Bemerkung, sie habe keine Zeit für derartigen Quatsch. Dann wird sie lauter und erklärt, dieses Thema sei so dämlich, dass sie eigentlich nicht fassen könne. Dann fliegen erste glühende Felsmassen, denn das Müsli habe in ihrem Zimmer gestanden und dort habe man keinen Zutritt. Und überhaupt stelle sich die Frage, was man eigentlich in ihrem Zimmer getrieben habe und es sei ja wohl unfassbar, dass der eigene Vater hinter ihr her spioniere und sich Zugang zu ihrer Intimsphäre verschafft habe und ob er dort womöglich heimlich irgendwas gesucht habe und worum es sich dabei handele.
Ich antworte wahrheitsgemäß, dass ich eigentlich bloß habe lüften wollen, weil es in ihrem Zimmer gerochen habe wie in der Garderobe der Bolschoi-Balletts nach der Uraufführung von „Spartacus“ unter der Leitung von Juri Grigorowitsch. Und bei der Gelegenheit habe ich eben diverse Gegenstände eingesammelt, um sie in der Küche dem Regelkreis der gemeinsamen Benutzung zurück zu geben. Und in diesem Zusammenhang habe ich darauf hinweisen wollen, dass diese eingetrockneten Müslidinger Arbeit machten und das sei es eigentlich schon gewesen und ich wolle nichts gesagt haben und es tue mir leid.
Aber das Pubertier betätigt nun den Lava-Auswurf und schimpft, dass es mir ja wohl egal sein könne, wie es in ihrem Zimmer röche, schließlich werde niemand gezwungen, dieses Zimmer zu betreten. Darauf leiste ich mir den frivolen Hinweis, dass es sehr wohl jemanden gebe, der dazu gezwungen werde, nämlich der arme Marius, der ihr neuer Freund ist. Er tut mir ein bisschen leid, denn er kann unmöglich länger als eineinhalb Minuten die Luft anhalten, verbringt jedoch oft mehrere Stunden bei Carla und wird hier und da Sauerstoff benötigen. Aber vielleicht hat er ja so eine Taucherflasche im Rucksack, wenn er uns besucht.
Nun dreht Carla ein weiteres Mal auf. Sie schießt mit glühendem Gestein, spuckt Feuer und erklärt mir, das sei alles so lame und crank und sie könne es nicht abwarten, bis sie endlich auszöge und es sei überhaupt kein Wunder, dass ich kaum Freunde hätte, so wie ich mich benehmen würde und ich solle mich nicht in ihre Beziehung einmischen. Ich sage ihr, sie solle mit Marius eine WG gründen. Mal sehen, wie das klappt. So ganz ohne Sauerstoff und sauberes Geschirr. Bumms. Tür zu. Drei Stunden später hat sich unsere kleine Vulkanin wieder abgekühlt, was man daran merkt, dass sie einen Erdbeerkuchen backt und ihrem Vater ein Stück ins Büro bringt. Ich habe noch von keinem hawaiianischen Vulkan gehört, der zu so etwas in der Lage wäre.