Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Babbo … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 10.07.2018

585_Mordgelüste

Die letzten Tage meines Lebens haben mir nicht besonders gefallen. Zum Beispiel ist meine Festplatte abgeraucht, wie der Fachmann raunte, der den Rechner reparieren soll. Sie starb bei dem Versuch, die Betriebssoftware zu installieren, die mir die Firma Apple wochenlang als lebenswichtige Neuerung aufschwafelte. Als ich nachgab und die Aktualisierung zuließ, war anschließend die Festplatte kaputt und muss nun ersetzt werden. Damit nicht genug. Dauernd habe ich im Fernsehen unangenehme Gestalten vor der Nase. Mario Basler zum Beispiel, dessen Kopf aus Stammtischholz gemacht zu sein scheint. Oder Markus Söder. Man könnte fast meinen, seine Partei hätte über die bayerischen Grenzen hinaus eine Bedeutung. Ähnlich nervenzerfetzend agieren nur noch die Fruchtfliegen in unserer Küche.
Ganz grundsätzlich bin ich friedlich gesinnt, auch gegenüber Söder und Basler. Bloß bei den Fruchtfliegen hege ich zügellose Mordgedanken. Warum gibt es diese Biester? Und wo kommen die her? Sämtliche Versuche, diese geflügelten Pestbeulen aus der Wohnung zu bekommen, sind gescheitert. Ich habe Teilerfolge erzielt, indem ich einige Dutzend mit dem Staubsauger weggerüsselt habe, was jedoch auch zu einer bedauerlichen Dezimierung von Süßkirschen führte. Im Internet angepriesene Fallen aus Essig, Zucker und Spüli brachten ebenfalls kurze Siege, die aber vom Fruchtfliegengeschwader durch zügige Vermehrung zunichtegemacht wurden.
Dann habe ich gelesen, dass sie manche Gerüche nicht mögen. Das geht mir genauso. Besonders das Parfüm unseres Sohnes bringt mich um. Und was bei mir funktioniert, könnte bei Drosophila melanogaster ebenfalls klappen. Ich bat Nick daher, für sechs oder sieben Stunden neben der Obstschale Platz zu nehmen, um die Fruchtfliegen mit seinem Duft zu töten, aber er lehnte ab. Es ist übrigens sein erster Duft. Er ist fünfzehn und experimentiert gerne. Das Parfüm hat er von seiner Mutter. Sara hat es aussortiert, weil sie es nicht mochte. Es handelt sich um ein Produkt der Firma Gucci und wenn Nick es aufgetragen hat, riecht er wie ein depressiver Blumenhändler. Aber er müffelt seine Umgebung sehr selbstbewusst damit voll und das erinnert mich an meine eigenen ersten Duftversuche.
Bis ich etwa zwanzig war, machte ich mir wenig aus After Shave oder Parfüms. Dann überredete mich ein Mädchen zur Anschaffung einer grünen Flasche, in der sich ein Duft befand, der nach Tabak und Leder riechen sollte. Ich habe dieses Polo danach fast dreißig Jahre lang verwendet, ohne darüber nachzudenken. Zwischendurch bekam ich andere Düfte geschenkt, probierte sie aus und blieb letztlich dabei. Bis ich das Mädchen von damals vor einigen Monaten wieder getroffen habe. Ich erzählte ihr, dass ich das Zeug immer noch brav aufsprühe und sie wurde ganz sentimental. Dann sagte sie, dass sie mir diesen Duft damals empfohlen habe, weil es der einzige gewesen sei, den sie kannte. Ihr Vater habe ihn auch benutzt. Er sei soeben mit neunzig Jahren gestorben und habe selbst in seinen letzten Lebenstagen immer nach Polo gerochen.
Daraufhin beschloss ich, mir ein neues Parfüm zuzulegen. Nach längerer Testphase mit teils erschreckenden Ergebnissen, wurde ich vor einigen Monaten auf einem Flughafen fündig. Ich kaufte eine Flasche L’Occitane Verveine. Es ist eigentlich für Damen gedacht, aber ich mag das Aroma von Zitrusfrüchten und Geranien. Da bin ich leider der Einzige. Sara findet, ich würde damit riechen wie das Urinal im Rasthof Steigerwald. Wobei mich schon interessiert, woher die wissen will, wie ein Urinal riecht. Egal. Ich bin mir der desinfizierenden Aura meines leicht klosteinesken Duftes sehr wohl bewusst, aber dafür rieche ich sauber.
Und was meine Theorie zur letalen Wirkung von Nicks Parfüm angeht, bin ich seit gestern Abend einen Schritt weiter. Er kam frisch eingedieselt zum Abendessen, weil er noch verabredet war. Als er sich an den Esstisch setzte, schob ich unauffällig die Obstschale in seine Richtung. Und nachdem er das Haus verlassen hatte, zählte ich tatsächlich acht Fliegenleichen in unmittelbarer Umgebung seines Tellers. Jetzt muss ich ihn nur noch dazu bringen, zwei Stündchen sitzenzubleiben und schon ist das Problem Drosophila gelöst.