Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Cliff Barnes … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 10.07.2018

586_Koreanische Impressionen

Die ersten beiden deutschen Spiele durfte ich nicht sehen, weil unsere fußballresistente Tochter Carla mich in ein kulturelles Ersatzprogramm zwang. Das Mexiko-Spiel verbrachte ich daher aus familiärer Räson in einem Wald mit einer Dame, die Lyrik vortrug und sich dabei musikalisch begleitete, wobei ihre Harfe dauernd umfiel, was jedoch vermutlich größere Schauwerte bot als das Spiel von Sami Khedira. Beim Sieg gegen Schweden befand ich mich in einem Reihenhauskeller und nahm am Einführungskurs „Minnetanz für Singles“ teil. Ich hatte danach drei Nächte lang Alpträume.
Vor dem finalen Match gegen Südkorea jammerte ich und bettelte mein Kind an, dass ich ein Recht auf Fußball hätte. Und dass es um Alles ginge. Und das La Mannschaft nun liefern würde und ich es sehen müsse, unbedingt. Also schlug Carla einen Kompromiss vor: Fußball ja, aber mit kulturellem Rahmenprogramm. Wir würden dies im Nachbargarten genießen, und zwar bei Ulrich Dattelmann. Das ist der Chef der Nachbarschaft und der Schulpflegschaft. Er kann alles und weiß alles und organisiert alles. Auch Public Viewing. Ich kann nicht sagen, dass ich Dattelmann hasse, ich kann ihn nur nicht ausstehen. Zumal er mit Fußball gar nichts anfangen kann. Er lud die Nachbarschaft nur in seinen Garten ein, um mit seinem hässlichen Gasgrill anzugeben und sein social leadership im Dorf zu behaupten.
Die Terrasse der Dattelmanns war mit südkoreanischen Fähnchen geschmückt und vor der Übertragung gab es zunächst ein Rahmenprogramm. Frau Dattelmann und ihre beiden Töchter spielten die südkoreanische Nationalhymne auf der Blockflöte. Dieses Instrument ist für asiatische Hymnen eine gute Wahl, weil man asiatische Hymnen nicht so gut kennt und bei einer Blockflöte nicht merkt, wenn sich dabei jemand verspielt. Es folgte ein Vortrag über die Trennung von Süd– und Nordkorea, vorgetragen von der zwölfjährigen Henriette Dattelmann, die sich aufführte, als müsse sie vor den Vereinten Nationen sprechen.
Im Hintergrund lief schon der große Dattelmannsche Fernseher. Ich sah Welke, Kahn und Christoph Kramer. Ich glaube, Kramer war letztlich der beste deutsche Spieler bei der WM, aber ich bekam nichts davon mit, weil der Ton abgeschaltet war. Dann wechselte Dattelmann den Kanal und ließ zur Einstimmung ein paar hundert Dias mit koreanischen Impressionen laufen. Noch vier Minuten bis zum Anstoß. Noch drei. Ich meldete mich und bat Dattelmann darum, das Fernsehbild wieder einzuschalten. Nie habe ich mich so auf Béla Rhéty gefreut.
„Da hat es wohl einer sehr eilig“, maßregelte mich Dattelmann, schaltete dann aber gnädig um und das Spiel wurde angepfiffen. Ich bin ja der Meinung, dass man sich beim Fußball nicht unterhalten darf. Wenn überhaupt, dann über das Spiel und nur sachkundig. Aber ich hatte mit Carla diesen Kompromiss ausgehandelt und musste nun damit leben, dass Dattelmann während des Spiels ständig schwachsinnige Kommentare abgab wie zum Beispiel: „Der Koreaner ist ja eine menschgewordene Nähmaschine.“ Er erinnerte mich stark an den früheren ARD-Reporter Wilfried Luchtenberg, der einst konstatierte: „Die Russen, das sind ja alles wieselflinke Gesellen.“
Etwa ab Mitte der ersten Halbzeit schaltete Dattelmann den Ton ab, um berühmte koreanische Gedichte vorzutragen, die er per Google-Übersetzer ins Deutsche übertragen hatte. In der Halbzeit wurde der Fernseher ganz ausgemacht und erst zehn Minuten zu spät wieder eingeschaltet. In der zweiten Hälfte folgten ein koreanischer Volkstanz, dargeboten von Frau Dattelmann sowie zwei Treffer für Südkorea. Carla und ich verließen den Dattelmannschen Garten. Ich war deprimiert wegen des Ergebnisses. Und ich kann es nicht ertragen, wenn Fußball nur nebenher angeschaut wird. Carla legte den Arm um mich und sagte: „Mach Dir nichts draus. Das kommt davon, wenn man praktisch ohne Sturm anreist, nicht in die Zweikämpfe geht und keine gute Kommunikation zwischen den Mannschaftsteilen herrscht. Wir brauchen jetzt einen Neuaufbau und in zwei Jahren bei der Europameisterschaft sind wir wieder da. Es ist bloß Fußball.“ Woher weiß die soviel vom Fußball, ohne auch nur hinzusehen? Manchmal macht mir mein Kind Angst.