Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Maurerbonbon … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 10.07.2018

587_Gedanken im Grilldunst

Die Rostbratwurst ist das Zepter von König Fußball. Der regiert momentan die Welt und daher wird überall in Deutschland sein Zepter geschwungen, meistens mit Senf oder Ketchup drauf. Auch bei mir. Dem Hochadel bin ich ansonsten nicht besonders zugetan, mir sind die Royals wurscht. Aber König Fußball findet in mir einen braven Untertan.
Ich bin übrigens bekennender Flachgriller. Das ist jemand, der sich für ein Heidengeld einen Gasgrill mit batterieloser Quartzzündung, 26,5 Kilowatt Leistung, isolierten Doppelwänden, einer Garkammer mit Spezialbeschichtung und einem Kerntemperaturfühler kauft – und dann Würstchen für vier Euro drauflegt. Das machen die meisten Deutschen so und es ist gerade diese rührende Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit, die uns auch im Ausland so sympathisch macht.
Zuhause provoziert meine Zweitexistenz als Grillmeister hingegen Widerspruch und drastische Ablehnung. Das ist oft so bei Pubertieren, die noch weitgehend unsortiert durch ihre Gefühle irren. Unsere Tochter Carla kann jedenfalls beim besten Willen nicht verstehen, dass man Fußball guckt. Und grillen findet sie spießig und richtig hart bescheuert. Das Braten mittels Hitzeabstrahlung wärmt ihr Herz kein bisschen, zumal sie Würstchen als Ergebnis von Tierverarbeitung für pervers hält. Sie wird seit Wochen nicht müde, diesen Umstand immer und immer wieder zu thematisieren und das geht mir langsam auf den Wecker.
Es ist ja beileibe nicht so, dass es nur Elternphrasen geben würde. „Solange Du deine Füße unter meinen Tisch stellst, musst Du Dich an meine Regeln halten“ ist beispielsweise so ein generationsübergreifender Klassiker. Ein anderer lautet: „Ich habe nichts gegen lange Haare, aber gepflegt müssen sie sein.“ Und dann gibt es noch Sätze, deren Wahrheitsgehalt je nach Einsatz stark schwankt. „Das hat es früher nicht gegeben“ stimmt zum Beispiel so gut wie nie, denn es hat fast alles immer schon gegeben. Die Kinder müssen sich an diesen Sentenzen reiben und erwachsen werden, indem sie rhetorische Mittel dagegen finden. Das ist oft schmerzhaft und wird von ihnen auch ausführlich bejammert. Das ist ihr gutes Recht.
Aber wer redet über die Not der armen Erwachsenen, die sich ebenfalls jahrelang immer dieselben Sätze ihrer Kinder anhören müssen und ihnen insofern doppelt ausgeliefert sind, als sie die Sätze ja in ihrer eigenen Jugend selber auch schon gesagt haben?
Hier die am häufigsten verwendeten Sätze meiner Kinder nebst darin eingelagertem Wahrheitsgehalt: Auf Platz 5: „Ich habe keine Zeit“. Stimmt fast nie, jedenfalls als Replik auf die Bitte, Schuhe, Jacken oder Zimmer aufzuräumen. Muss daher als Synonym für „Ich habe keinen Bock“ verstanden werden und stimmt dann immer. Platz 4: „Ich habe noch jede Menge Zeit.“ Wird in der Regel geäußert, wenn man ein Pubertier bittet, mit dem Mathe-Lernen anzufangen. Stimmt manchmal, führt jedoch nach häufiger Wiederholung zu Stress. Platz drei lautet: „Der oder die XY (hier bitte Vornamen nach Wahl einsetzen) darf das auch. Da stellen sich die Eltern nicht so kindisch an.“ Der Wahrheitsgehalt dieses Satzes kann leicht durch Anruf bei den Eltern von XY überprüft werden. Man sollte das aber lassen. Es führt nur zu Streit. Auf Platz zwei: „Ich weiß nicht, was Du hast, ich riech nix.“ Das stimmt wahrscheinlich und liegt an der erstaunlichen Fähigkeit der Nase, selbst fürchterlichste Gerüche im eigenen Zimmer auszuschalten.
Auf dem ersten Platz nun mein absoluter Liebling unter allen Carla-Sätzen und ein großer Klassiker im Repertoire, den auch ich selber vor dreißig Jahren gerne und oft geäußert habe: „Ich kann es nicht erwarten, endlich hier auszuziehen. Sobald ich kann, bin ich hier weg.“
„Ich kann’s kaum abwarten“, antwortet man dann als souveräner Vater und das ist natürlich eine Lüge, denn wenn die Kinder erst einmal weg sind, wird es hier öde und leer. Wem kann ich denn dann noch wichtige Hinweise für den Rest des Lebens geben? Wer wird sich dann noch über meine unendliche Weisheit aufregen? Sara jedenfalls nicht, denn sie hört nie zu, wenn ich etwas Wichtiges sage. Und für wen brauche ich dann noch diesen riesigen blöden Grill? Für mich persönlich tut’s auch was Kleines, ich grille ja bloß Würstchen.