Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Aufschneider … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 05.09.2018

590_Momente, die sprachlos machen

Fall Nummer eins: Ich steige am Dammtorbahnhof in Hamburg in ein Taxi, grüße freundlich und sage, dass ich zum Flughafen wolle. Die Fahrerin nickt, wendet und fährt dann mit mir an der langen Schlange der wartenden Taxikollegen vorbei. Dabei reckt sie den Arm zum Hitlergruß. Ich bin wirklich fassungslos. Entsetzt. Und wütend, vor allem auf mich. Denn ich schaffe es einfach nicht, ihr sofort zu sagen, dass ich unverzüglich aussteigen will. Ich lasse mich doch nicht von einer ollen Nazi-Tante kutschieren. Aber ich habe es eilig. Noch zwanzig Minuten bis zum Einsteigen ins Flugzeug. Wenn ich die fahrt abbreche, riskiere ich, meinen Flug zu verpassen. Also bleibe ich bei ihr und koche innerlich wegen meiner Mutlosigkeit. Wenn wir in dieser Gesellschaft so weitermachen, dann haben die eines Tages gewonnen. Verdammt.
Fall Nummer zwei: Ich lese ein Wort, dass ich auch beim zweiten und dritten Mal nicht richtig verstehe, und zwar Heißgastauwasserverdunstung. Was ist ein Heißgast? Und was ist Auwasser? Das macht mich wirklich eine Viertelstunde lang wahnsinnig. Nach dreißig Jahren als Autor kurzer und langer Texte habe ich diese beiden Begriffe noch nie gehört. Das kann doch eigentlich gar nicht sein. Ich grübele lange. Schließlich bemerke ich, dass man das Wort auch anders lesen kann. Dann steht da: Heißgastauwasserverdunstung. Ich bin dann sehr beruhigt, auch wenn ich keinen Schimmer habe, was das bedeuten soll.
Fall Nummer Drei: Ich suche eine Wohnung. Das ist jetzt einfach so. Ich bin der Letzte in der Familie, der noch wacker das Fähnchen des Landlebens schwingt, alle anderen wollen in die Stadt. Meine Kinder möchten Falafel essen, im Englischen Garten rumsitzen und ausgehen. Kühe und Apfelbäume und Bergblick sind ihnen total wurst. Meine romantische Vorstellung von einem beschaulichen Leben im Grünen ist inzwischen ungefähr so populär wie Pokemon-Go oder T-Shirts von Ed Hardy. Ich bin raus. Und wenn ich wieder rein will, muss ich in die Stadt ziehen. Also nehme ich einen Besichtigungstermin in München-Schwabing wahr.
Es ist mein erster in dieser Angelegenheit, was nicht an mir liegt. Münchner Makler rufen in der Regel nicht zurück, wenn man auf ihre Anzeigen antwortet, denn Wohnungssuchende sind in München Menschen zweiter Klasse. Auf zwölf Anfragen meinerseits meldet sich schließlich eine Maklerin und möchte mir eine Wohnung in Schwabing zeigen.
Die Wohnung ist schön und groß – und sie soll 5000 Euro Miete kosten. Was ich irgendwie viel finde. Was verdienen Menschen, die klaglos 60 000 Euro Miete im Jahr bezahlen können? Oder dreihunderttausend in den fünf Jahren, die wir dort erst einmal wohnen möchten. Die Bude befindet sich in einem grauenhaften Zustand. Die elektrischen Leitungen sind von 1912 und die Wasserrohre aus Blei ebenfalls. Das Parkett ist kaputt, die Türen sind abgeblättert, die Bäder wurden vor knapp fünfzig Jahren zum letzten Mal gemacht. Die Sanierungskosten belaufen sich auf gut und gerne 120 000 Euro.
Ich stehe also mit der Frau in der Wohnung und frage, wie schnell der Vermieter die Sanierung in Angriff nehmen könne. Darauf sagt sie: „Wir gehen davon aus, dass Sie das machen.“ Ich soll also dem Vermieter auf eigene Kosten seine Wohnung sanieren, damit ich sie bekomme. Ich rechne ihr vor, dass diese Morgengabe, wenn man sie auf eine Mietdauer von fünf Jahren umlegt, bedeutet, dass ich dann also im Prinzip 7000 Euro im Monat bezahle. Wenn wir ausziehen, muss der Vermieter eigentlich nur einmal streichen lassen.
Die Maklerin sagt: „So läuft’s halt. Wenn Sie nicht wollen, gibt es genügend Bewerber, die das nicht stört.“ Darauf fällt mir einfach nichts ein. Ich bin wirklich völlig sprachlos. So wie im Taxi in Hamburg. Da finde ich erst wieder Worte, als ich am Flughafen die Fahrt bezahle. Ich sage zu der Taxifahrerin, dass ich nur mit ihr gefahren sei, weil ich musste. Und das ich es widerlich finde, dass sie ihren Kollegen den Hitlergruß gezeigt hat. Sie dreht sich zu mir um, sieht mich an und beginnt zu lachen. Dann sagt sie: „Ich habe doch keinen Hitlergruß gezeigt! In der Taxischlange stand mein Mann. Und ich habe ihm mit dieser Geste signalisiert, dass ich jetzt zum Flughafen fahre.“ Beschämt steige ich aus. Was für eine gute brave Frau.